Über die Macht der Worte zum Wesen der Geschichte

14. Februar 2006, 17:33
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Reinhart Koselleck, Doyen der deutschen Geschichtswissenschaft, starb vergangenes Wochenende: Gedanken zu einem großen Intellektuellen

Reinhart Koselleck ist tot. Der Doyen der deutschen Geschichtswissenschaft und Mitbegründer der Reformuniversität Bielefeld starb vergangenes Wochenende im Alter von zweiundachtzig Jahren. Gedanken zu einem großen Intellektuellen der Nachkriegszeit.

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Eine Karikatur ergibt die andere. Provokation wird mit Provokation beantwortet, wobei die Ausdrucksformen selten dieselben sind, von Mal zu Mal meist heftiger werden. Eine nach oben spitz zulaufende Spirale aus Actio und Reactio beginnt sich zu drehen. Immer schneller. Dieses Handlungsmuster findet sich in der Geschichte zuhauf, seine Wirkung ist festgehalten. Aber wen kümmert's?

Sein Leben lang ging der deutsche Historiker Reinhart Koselleck, übrigens ein leidenschaftlicher Zeichner von Karikaturen, der Frage nach, was die Menschheit aus der Geschichte lernen könne - besser gesagt: könnte. Wozu sollte sich der Mensch überhaupt noch mit der Vergangenheit befassen, wenn die Historie doch längst ihren Stellenwert als Magistra Vitae, als Lehrerin des Lebens eingebüßt hat? Die Antwort des Mitbegründers der Reformuniversität Bielefeld, der sowohl die Geschichtswissenschaft als auch das Geschichtsbewusstsein im Nachkriegsdeutschland wesentlich beeinflusst hat, war klar: Um die Zukunft bewältigen zu können. "Denn neu ist die Geschichte nur in Ereignissequenzen. Aber in den Strukturen wiederholt sie sich." Ergänzend dazu stellte der großen Intellektuelle in Vergangene Zukunft - Zur Semantik geschichtlicher Zeiten noch fest: "Solange sich die menschlichen Handlungseinheiten aus- und eingrenzen, wird es asymmetrische Gegenbegriffe und Negationstechniken geben, die in die Konflikte so lange einwirken, bis wieder neue Konflikte entstehen."

Klärung der Semantik

1923 im sächsischen Görlitz geboren, in Heidelberg und Bristol studiert, tauchte der mehrfach ausgezeichnete Koselleck zunächst tief in die geschichtswissenschaftliche Theorie ein - in die der Begrifflichkeit: Erst wenn die Semantik der politischen Sprache geklärt sei, könne die Geschichte sinnvoll erforscht werden. Damit folgte der Historiker, der 1944 in russische Kriegsgefangenschaft geraten war und nur mit viel Glück ein Lager in Kasachstan überlebt hatte, dem griechischen Philosophen Epiktet: Laut diesem Vertreter der späten Stoa seien es nämlich nicht Taten, die die Menschen erschüttern, sondern die Worte über Taten.

Die wissenschaftlich aufbereitete Quintessenz daraus floss in das weltweit einzigartige Werk Geschichtliche Grundbegriffe, an dem Koselleck seit Mitte der sechziger Jahre gemeinsam mit Otto Brunner und Werner Conze gearbeitet hatte. Der letzte der neun Bände erschien 1997. Dazwischen erschien sein noch heute als Standardwerk gehandeltes Preußen zwischen Reform und Revolution.

Der Außenseiter

Koselleck, dessen Wesen von einer derart intellektuellen Lebendigkeit bestimmt war, die eine ausschließlich Befassung mit historischer Terminologie und Epochenaufarbeitung niemals hätte zugelassen, gefiel sich freilich auch in der Rolle des Nonkonformisten, des Außenseiters, der seinen Kollegen eine andere als die bis dahin gewohnte Welt der Geschichtswissenschaften zeigte. Sein Name wurde bald Synonym für einen geisteswissenschaftlichen, philosophischen und spielerischen Umgang mit der Historie und setzte damit einen Kontrapunkt zur datenbesessenen Sozialgeschichte.

Lange bevor der Begriff der Interdisziplinarität inflationäre Anwendung fand, durchlebte Koselleck Philosophie, Kunstgeschichte, Soziologie und Literatur - er lernte den einen entscheidenden Satz in jedem Buch zu finden und so es keinen solchen gab, konnte das Buch nicht gut sein. In Kosellecks Dissertation Kritik und Krise könnte der eine vielleicht dieser sein: "Aus der Freiheit im Geheimen wurde das Geheimnis der Freiheit."

Gastprofessuren in Tokio, Paris, New York und Chicago, Vortragsreisen durch die ganze Welt, eine Fülle an Ehrungen und Publikationen, seine Lehrtätigkeit und sein Einfluss auf Gesellschaft und Politik sind nachhaltig genug, ein Denkmal braucht man Koselleck nicht zu setzten. Was er sich auch verwehrt hätte: Ein solches stehe "am Ende eines Reflexionsprozesses, ist dessen Ergebnis und kommt deswegen prinzipiell zu spät." (DER STANDARD, Printausgabe, 8.2.2006)

Von Andreas Feiertag
  • Der deutsche Geschichtswissenschafter Reinhart Koselleck, einer der bedeutendsten in Europa, ist tot.
    foto: der standard/hendrich

    Der deutsche Geschichtswissenschafter Reinhart Koselleck, einer der bedeutendsten in Europa, ist tot.

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