Finale mit provokanter Besinnlichkeit

6. Juni 2006, 18:33
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Angelika Kirchschlager, Manfred Honeck, und Valery Gergiev bei der Mozartwoche

Salzburg - Eine Mozartwoche 2006 - obwohl zum 250. Geburtstag veranstaltet - lässt sich nicht vergleichen mit einer Feier anno 1956. Was haben wir in den letzten Jahren, ja Jahrzehnten nicht alles gehört und auf den Bühnen der Mozart-Pflege erlebt. Die Debatten um Verzierungen, um Besetzungen, noch mehr: um jeden Millimeter der historisch rechtmäßigen Mozart-Deutung sind Vergangenheit. Heute machte das jeder wie er denkt und fühlt - und die Musikwissenschafter betreiben wie auf einer zweiten Linie ihr Handwerk, ohne großes Aufsehen zu erregen.

Dem Publikum gefällt, was prominent geboten wird. So und kaum anders lässt es sich erklären, wenn eine klapprig über das Podium versandte frühe Mozart-Symphonie wie jene KV 19 unter der zappeligen Leitung von Valery Gergiev nicht zu ausfälligen Reaktionen führt. Und auch die virtuose "Linzer"-Symphonie mit den Philharmonikern ließ beim Hörer Wehmut aufkommen, wenn er sich etwa einer Aufführung unter der wirklich formenden Leitung von Carlos Kleiber besinnt.

Nun gut: Gergiev ist ein Star rund um die Welt und rund um die musikalisch tickende Uhr. Seine Mozart-Präferenzen beziehen sich eher auf operntheatralische Experimente, das lässt sich an seiner Diskografie ersehen.

Immerhin hatten die Hörer das gleichsam pecherne Glück, anstelle der erkrankten Vesselina Kasarova Angelika Kirchschlager zu erleben. Anknüpfend an eine text- und melosintensive, ungemein auskunftsfreudige Liedmatinee (mit dem unverwüstlich sinngebenden Helmut Deutsch am Klavier) bestätigt sie ihre gestalterische Vernunft und Natürlichkeit mit zwei Passagen aus der Clemenza di Tito, wobei die quasi-konzertante Arie des Sesto nichts an Klang und Dramatik vermissen ließ.

Nicht nur Kasarova war erkrankt, auch Daniel Barenboim musste absagen. Für ihn und für ein weiteres "philharmonisches" Gastspiel war der an sich untadelige, aber auch wenig aufregende Manfred Honeck verpflichtet worden. So wurde es vom Orchestralen her ein anständiges Konzert mit dem Pianisten Alexander Lonquich als führenden Impulsgeber.

Im Klavier-Tripel KV 242 waren wie vorgesehen - und ohne jede Mühe - der palästinensische Pianist Saleem Abboud Ashkar und sein israelischer Kollege Shai Wosner von der munteren Partie. Im großen Klavierkonzert KV 482 zeigte Lonquich, wie sich schlanke, feinfühlig-provokante Virtuosität im Besinnlichen des langsamen Satzes wie in der Turbulenz des Finales verbinden lassen.

Das war einer der wirklichen Höhepunkte dieser Mozartwoche, zu denen man auch den Soloabend der Pianistin Mitsuko Uchida hinzurechnen möchte. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.2.2006)

Von Peter Cossé
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