"Ich habe nicht gezielt"

7. Februar 2006, 13:46
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Am Grazer Schauspielhaus wird der Todesmarsch des April 1945 am steirischen Präbichl geradlinig und ohne unpassende Verzierungen nachgezeichnet

Sechs Schauspieler und zwei Regisseure zeichnen in "Eisenerz Protokolle" die Ereignisse anhand von Gerichtsprotokollen und Zeitungsausschnitten


Graz - "Sie, des kann man gar net erzählen", beginnt ein Zeuge vor einem britischen Militärgericht in Graz seine Ausführungen über das Massaker vom 7. April 1945 am obersteirischen Präbichl. Als "mobile Schlachtbank" wird den Todesmarsch ein anderer Zeuge später beschreiben. Auch wenn die Bilder nicht leicht zu verkraften sind: Man kann davon erzählen, aber das tat jahrzehntelang niemand.

Es war die Ermordung von mehr als 200 ungarischen Juden durch Angehörige des lokalen Volkssturms, die den Auftrag hatten, auf die völlig abgemagerten Menschen zu schießen, die sich meist barfuß und an Typhus erkrankt über eine Passhöhe schleppten. Denn die SS hatte befohlen, nur einen Teil der 4000 Häftlinge, die an der Errichtung eines Südostwalls an der österreichisch-ungarischen Grenze arbeiten mussten und vom Osten über Eisenerz zu Fuß nach Mauthausen getrieben wurden, lebend vom Präbichl herunterzulassen.

Ein Jahr später mussten sich 18 jener, die für den Lohn einer Zigarette oder sogar "aus Hetz" töteten, in einem von den Briten geführten Prozess verantworten. Die Folge waren zehn von rund 80 Todesurteilen, die in Österreich nach 1945 wegen Kriegsverbrechen vollstreckt wurden.

Erst in den letzten Jahren spricht man in Eisenerz über die Zwangsarbeiter im Bergwerk, den Todesmarsch oder das nach dem Krieg mit Gestein im Erzberg zugeschütteten KZ-Außenlager von Mauthausen. Vor Ort wurde ein Gedenkprojekt zum Todesmarsch auf der Eisenstraße initiiert, ein Mahnmal auf dem Präbichl von Jugendlichen errichtet und das Massengrab neben dem Leopoldsteiner See endlich ausgeschildert.

Nun wird das Thema zum Stoff fürs Theater. Vielleicht gäbe es künstlerisch viele Möglichkeiten, mit den Gerichtsprotokollen des Grazer Straflandesgerichtes den heiklen Sprung auf eine Bühne zu wagen. Der ursprünglich mit dem Stück vom ORF beauftragte Autor Franz Buchrieser etwa bettete seine Recherchen in die Sage um einen im Erzberg lebenden Wassermann ein. Eine Sage, die man lange auch Schülern und Touristen lieber erzählte als jene, dass das hier gewonnene Erz einen erheblichen Teil der Nazi- Rüstungsindustrie speiste.

Das Regieduo Deborah Ep^stein und Marcus Mislin verzichtete auf derlei Beiwerk und baute einzig aus den Protokollen eine treffsichere und angemessene Skizze von Zeugen, Tätern und Opfer. Vom Resultat Eisenerz Protokolle, das am Sonntag im zum Gerichtssaal mutierten Redoutensaal im Grazer Schauspielhaus Premiere hatte, distanzierte sich Buchrieser.

Beraten ließen sich Epstein und Mislin dabei von Heimo Halbrainer, einem der kompetentesten Historiker auf dem Gebiet, der 2005 mit Christian Ehetreiber den Band "Todesmarsch Eisenstraße 1945" (Clio-Verlag) herausgab.

Sebastian Reiß, Martin Brettschneider und Oliver Rosskopf sowie Susanne Weber, Andrea Wenzl und Julia Kreusch spielen abwechselnd Täter, Ankläger, Zeugen und Opfer beider Geschlechter. Alle gehen sie sehr sicher und einfühlsam mit den nicht fürs Theater geschriebenen Texten, der Angst, der Scham und dem Trauma hinter den Sätzen um. Ein Angeklagter rastet aus, wenn er beschreibt, wie den Häftlingen in den Mund und in die Augen geschossen wurde, ein Zeuge bleibt scheinbar ungerührt, wenn er erzählt, dass er seinen Schneepflug nicht aus der Garage fahren konnte, weil Leichen auf der Straße lagen.

Und viele Täter winden sich, verstecken sich hinter Formulierungen: Nein, man habe ihm nicht Meldung gemacht, sondern nur berichtet, erzählt ein Angeklagter, um seine Verantwortung in der Befehlskette zu verschleiern. Ein anderer, der schuldig gesprochen wurde, weil er am Boden Liegende erschoss und erschlug, antwortet auf die Feststellung, dass er nachweislich geschossen habe: "Aber ich habe nicht gezielt." Dialoge, die keinen Dramatiker brauchen. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.2.2006)

Von Colette M. Schmidt
  • "In den Mund, in die Augen!" Susanne Weber rastet bei der Einvernahme durch Oliver Rosskopf aus. Ein gelungener, beklemmender Abend, an dem Applaus schwer fällt.
    foto: schauspielhaus/peter manninger

    "In den Mund, in die Augen!" Susanne Weber rastet bei der Einvernahme durch Oliver Rosskopf aus. Ein gelungener, beklemmender Abend, an dem Applaus schwer fällt.

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