Michelangelo Antonioni: "BlowUp"

6. Februar 2006, 15:54
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Kultfilm einer Generation, die sich, wie jede, in der Illusion ihrer eigenen ewigen Jugend wiegte, inzwischen aber mit der unumstößlichen Tatsache ihrer nahen Pensionierung konfrontiert ist

Thomas nennen wir einen jungen, augenscheinlich sehr erfolgreichen, aber von seinem Beruf gelangweilten Modefotografen im London der Sixties: verkörpert von David Hemmings, einem gefallenen Engel mit stets wirrem blondem Haarschopf - einem Don Juan, der mit seiner Kamera die Frauen betört, denen er aber mit wesentlich mehr als nur dem Gran an unverhüllter Verachtung begegnet, die das Geheimnis seiner beruflichen wie erotischen Erfolge ist.

Antonionis "BlowUp" wurde, als er 1966 in die Kinos kam, sofort der Kultfilm einer Generation, die sich, wie jede, in der Illusion ihrer eigenen ewigen Jugend wiegte, inzwischen aber mit der unumstößlichen Tatsache ihrer nahen Pensionierung konfrontiert ist. Angesichts dieser Erfahrungsdifferenz hat der Film jedoch seine Frische und Irritation bewahrt, auch wenn heute niemand mehr in Versuchung geraten wird, es Thomas gleichtun zu wollen und einen hölzernen Flugzeugpropeller zu kaufen. Die Suggestion, die der Film auch heute ausübt, verdankt sich der Paradoxie seiner vermeintlich minimalistischen, tatsächlich aber hochkomplexen Handlung. Er ist eine Parabel, die eine Kritik unserer scheinbar objektivierbaren, reproduzierbaren Wahrnehmung der Wirklichkeit im Schilde führt.

Thomas, der Arbeit im Studio und mit gelangweilten Models überdrüssig, fotografiert in einem Park ein Paar, dessen routinierte Zärtlichkeitsgestik unmissverständlich verrät, dass es sich längst ausgesprochen hat. Auf den Vergrößerungen dieser Bilder kommt mit einem Mal eine Realität zum Vorschein, die das bloße Auge zuvor gar nicht wahrgenommen hatte: eine Pistole im Anschlag, eine Leiche auf dem Rasen.

Es sind diese zwei Erzählungen, von denen die Wirklichkeit der Situation im Park vermeintlich konstituiert wird: das Paar und der Mord. Der Fotograf, der, von seiner manipulativen Beherrschung der Wirklichkeit im Studio angewidert, vom künstlichen ins wirkliche Leben tritt, macht die ihn und den Zuschauer verwirrende Erfahrung, dass die Wirklichkeit komplexer ist, dass sie aus konkurrierenden "Wahrheiten" besteht, die sich nur vermeintlich fixieren lassen. Aber auch das erweist sich als Illusion, denn die Fotografie vermag es letztlich nur, die Kulissen aufzuzeichnen, welche dem Schattenspiel der Wirklichkeit ihre trügerische Tiefe verleihen. In dem Maße jedoch, in welchem Thomas ihnen durch Vergrößerung auf das Geheimnis, das sie nicht bergen, sondern lediglich möblieren, zu kommen sucht, verschwinden sie im körnigen Nebel. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.2.2006)

Von Johannes Willms
  • Artikelbild
    foto: süddeutsche cinemathek
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