Stimmgewalt einer "Tigerin"

8. Februar 2006, 19:48
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Maria Callas zählte zu den größten Sopranistinnen des 20. Jahrhunderts - Das Ende ihrer Karriere war nicht untypisch - Ein Porträt mit Ansichtssache

Sie gilt als DIE Stimme des 20. Jahrhunderts. Schillernd, wuchtig, einzigartig, ein Wasserfall aus unbeschreibbaren Tönen. Eine Naturgewalt! Wer kennt Maria Callas, die als "die Callas" ihren Ruhm auf die ganze Welt ausdehnen konnte, nicht? Und falls doch, hat sie/er was Großartiges versäumt.

Dabei wurde ihr, Maria Anna Sofia Cecilia Kalogeropoulos - wie sie mit bürgerlichem Namen hieß, eine Karriere als Opernsängerin anfänglich nicht wirklich zugetraut. Denn als die 16-Jährige, "ein monströs fettes Mädchen ... mit Pickeln im teigigen Gesicht", wie es die Biografin Eva Gesine Baur ausdrückt, bei der angesehenen Elvira de Hidalgo am Konservatorium in Athen zum ersten Mal vorsingt, soll jene aufgrund der Äußerlichkeit des Mädchens gesagt haben: "Einfach lächerlich, dass so ein Mädchen Sängerin werden will". Doch später gestand sie öffentlich: "Im Geheimen hatte ich jahrelang auf eine solche Stimme gewartet".

Maria Callas hatte in New York, wo sie mit ihren Eltern lebte, enorm an Gewicht zugelegt und sich der 100-Kilo-Marke genähert. Als Liebesersatz, wie ihre Biografin schreibt. Zurück in Griechenland versucht sie nun, sich die Liebe übers Singen zu holen. Das Vorhaben scheint zu funktionieren. 1940 findet in Athen die erste von mehreren hundert Premieren statt, welche die Callas meistert wie kaum eine zuvor. Es folgen Gioconda, Tosca, Medea, La Traviata, Lady Macbeth, Madame Butterfly, Norma, Lucia und viele mehr. Sie reist um die Welt, das Publikum ist begeistert, sie erobert dessen Herzen. Die "richtige Liebe" bekommt sie jedoch nicht. Auch ihr Ehemann, der 28 Jahre ältere Millionär Giovanni Battista Meneghini, den sie 1949 geheiratet hatte, kann ihre Sehnsüchte nicht stillen. Sie dafür seine nach Glanz und Glamour. Bald wird sie seiner überdrüssig, da nützen auch die vielen Juwelen, mit denen er sie behängt, nicht.

"Immer habe ich nur kämpfen müssen. Ich mag es nicht. Mir sind die nervösen Zustände, in die man dadurch gerät, zuwider. Bisher habe ich immer gewonnen, doch nie mit dem Gefühl der inneren Befreiung. Es sind schale Triumphe", wird sie von Eva Gesine Baur zitiert. Trotzdem steckt sie ihre ganze Energie in ihre Auftritte - über 600 Aufführungen, schont sich nie, nimmt dann in der Saison 1953/54 gleich 28 Kilos ab. Sie singt und lebt nach der Devise: Voller Einsatz, volles Risiko! So wird "die Callas" zur Stimme des 20. Jahrhunderts.

Abstieg zum Ende

Doch dann folgt der Einbruch. Als sie nach einer bombastischen Neujahrsfeier am 2. Jänner 1958 erwacht, ist sie stimmlos. Auf dem Programm steht eine Gala, sie muss singen, bricht jedoch nach dem ersten Akt ab. Spott aus dem Publikum. Sie, die nicht umsonst "die Tigerin" genannt worden ist, erfängt sich wieder. Bis ein neuer Mann in ihr Leben tritt, dem es wieder nur um seine Eitelkeit geht. Aristoteles Onassis hatte sich zum Ziel gesetzt, die "berühmteste Frau der Welt" zu unterwerfen. Sie verfällt ihm, trennt sich von Meneghini und das Aus ihrer Karriere nimmt seinen Anfang.

Maria Callas setzt nun ihre gesamte Energie auf die Karte des privaten Glücks und verliert. Ari Onassis, wohl wissend, sie am Gängelband zu haben, spielt mit ihr, liiert sich zuerst mit Lee Radziwill, der Schwester von Jackie Kennedy, zweitere heiratet er kurz darauf. Als diese Ehe nicht funktioniert, will er zu ihr zurück, aber sie bleibt standhaft: "Ich will, dass er mich endlich in Ruhe lässt. Ich brauche ihn nicht". Hatte sie 1959 noch 28 Vorstellungen in verschiedenen Opernhäusern, sind es 1961 noch sieben, 1963 nur noch zwei. "Der Mythos Callas ist am Verenden", sollen FreundInnen aus dieser Zeit gesagt haben.

Callas versucht eine zweite Karriere als Schauspielerin. Zwischen 1970 und 1973 dreht sie mit Pasolini "Medea" und mit Stefano "Sizilianische Vesper". Ein Jahr später kehrt sie nach Paris zurück, gibt letzte Konzerte und Gesangsunterricht, lebt sehr zurückgezogen. "Ich hab' ja den Fernseher", soll sie einige Jahre vor ihrem Tod gesagt haben.

Maria Callas stirbt am 16. September 1977 an Herzversagen in ihrer Pariser Wohnung.
(Dagmar Buchta)

Maria Callas
Geboren am 2. Dezember 1923 in New York
Gestorben am 16. September 1977 in Paris

Zur Ansichtssache

Literatur-Tipp:
Eva Gesine Baur:
Maria Callas
Die Tigerin mit dem Liebeshunger
in dies.: Göttinnen des Jahrhunderts
Ullstein 2001
  • Maria Callas
    foto: der standard
    Maria Callas
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