Tourismus: Mehr Jobs, mehr Arbeitslose

6. Februar 2006, 18:12
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Gewerkschaftschef Kaske: Auf zehn Arbeitslose im Tourismus kommt eine offene Stelle - Hoteliers planen Online-Jobbörse

Wien - Der Tourismus sei Jobmotor und zugleich Arbeitslosenproduzent, die Beschäftigung sei in der Hotellerie und Gastronomie 2005 ebenso gestiegen wie die Arbeitslosigkeit, sagte Tourismusgewerkschafter Rudolf Kaske am Montag bei einer Pressekonferenz. Der touristische Arbeitsmarkt sei voller Gegensätze, auf zehn Arbeitslose komme derzeit nur eine offene Stelle, kritisierte Kaske und erteilte damit Aussagen von Tourismusbetrieben eine Absage, wonach Arbeitslose oft nicht arbeiten wollten und daher nicht vermittelbar seien.

163.644 Mitarbeiter

Die Beschäftigung im Tourismus wuchs im Vorjahr um 2,9 Prozent auf 163.644 Tourismusmitarbeiter, die Arbeitslosigkeit erhöhte sich um 4,3 Prozent auf knapp 36.000 Personen. Auch im Jänner 2006 sei die Arbeitslosigkeit trotz hervorragender Wintersaison weiter um zwei Prozent gestiegen, beklagte der Vorsitzende der Gewerkschaft Hotel, Gastgewerbe, Persönlicher Dienst (HGPD). Die Zahl der offenen Stellen im Tourismus wuchs 2005 nur geringfügig um 0,7 Prozent.

Die Zahl der Wiedereinstellungszusagen sei von 1997 bis 2004 von 13.321 auf 12.215 gesunken, berichtete Kaske. Man müsse zur Kenntnis nehmen, dass in Österreich in manchen Gegenden ein 365-Tage-Tourismus auf Grund der Saisonen nicht möglich sei und Wiedereinstellungszusagen daher üblich seien. Wirtschafts- und Arbeitsminister Martin Bartenstein (ÖVP) hat in der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins "profil" angekündigt, gegen Unternehmen vorgehen zu wollen, die Arbeitnehmer saisonal in der Arbeitslosigkeit zwischenparken.

Zu geringe Löhne

Von der Idee von AMS-Chef Herbert Buchinger, Saison-Arbeitslosen mit Wiedereinstellungszusage um zehn Prozent weniger Arbeitslosengeld zu bezahlen, hält Kaske nichts: "Das ist Schwachsinn". Damit würde man Arbeitslose zu Bettlern machen und Tourismusmitarbeiter aus der Branche treiben, meint Kaske.

Kaske führt die steigende Arbeitslosigkeit im Tourismus u.a. auf "zu wenig offene und zu wenig attraktive Arbeitsplätze" sowie zu geringe Löhne zurück. Dass die heimischen Hoteliers oft keine Mitarbeiter bekommen, sei nicht verwunderlich: "Abwäscher und Stubenmädchen bekommen laut Lohntabelle Wien monatlich nur 1.042 Euro brutto", so Kaske. Eine Reinigungskraft verdiene vergleichsweise 1.148,50 Euro für ähnliche Tätigkeiten. Aus dem zu geringen Lohn sei auch zu erklären, dass Beschäftigungsverhältnisse im Tourismus im Schnitt nur sieben Monate dauern. Es wäre außerdem wünschenswert, dass mehr Betriebe über das Arbeitsmarktservice (AMS) Tourismusmitarbeiter suchen, meint Kaske.

30 Prozent Ausländer

Der Anteil der ausländischen Arbeitskräfte im Tourismus lag in den vergangenen Jahren konstant bei rund 30 Prozent, die Zusammensetzung der Herkunftsnationen hat sich allerdings verändert, berichtete Kaske. Noch vor wenigen Jahren sei das Hauptkontingent ausländischer Arbeitnehmer aus der Türkei und Ex-Jugoslawien gekommen, jetzt komme mehr als die Hälfte der beschäftigten Ausländer aus den neuen EU-Staaten.

Die Zahl der bewilligungspflichtigen ausländischen Beschäftigten gehe im Tourismus zwar zurück, die Ausländerquote sinke aber nicht, da die Zahl der im Tourismus arbeitenden EU-Ausländer sowie der bereits länger in Österreich lebenden Ausländer mit Arbeitsbewilligung zunehme. Im Jänner 2005 arbeiteten beispielsweise 9.684 Deutsche im Tourismus. Für heuer liegen noch keine Zahlen vor, es dürften aber mehr als 2005 sein.

Geringes Einkommen

Die Medianeinkommen von Arbeitern lagen in Österreich 2004 bei 1.546 Euro brutto, im Hotel-, Gastgewerbe hingegen nur bei 1.145 brutto. Die Medianeinkommen von Angestellten 2004 beliefen sich auf 1.898 Euro brutto, im Hotel- und Gastgewerbe nur auf 1.401 Euro brutto.

WKÖ-Schenner: "Viele Arbeitslose nicht vermittelbar"

Der Obmann der Bundessparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), Hans Schenner, stellte in Reaktion auf Kaskes Aussagen fest, dass dessen Zahlen "nicht der Realität entsprechen" würden. Derzeit gebe es 4.000 offene Stellen und 22.600 Personen, die im Tourismus arbeiten wollten, so Schenner in einer Pressemitteilung.

Viele dieser Arbeitssuchenden seien aber wegen Vermittlungshindernissen nicht wirklich vermittelbar, so Schenner. Für die Verzerrungen der Arbeitslosenstatistik im Tourismus gebe es mehrere Gründe.

Neben der Branchenzurechnung - viele Arbeitslose, die in ihrem Beruf keine Arbeit finden, sind laut Schenner vorübergehend im Tourismus tätig und bleiben dann in dieser Branche als Arbeitslose vorgemerkt - steige auch die Anzahl der Arbeitslosen, die auf Grund von Krankheit, Betreuungspflichten, begrenzter Mobilität, fehlenden Qualifikationen sowie Wiedereinstellungszusagen nicht vermittelbar seien. Schenner unterstützt dabei Wirtschaftsminister Bartenstein, die Arbeitslosenstatistik im Tourismus differenzierter zu betrachten.

Hoteliers planen Online-Jobbörse

Die Österreichische Hoteliervereinigung (ÖHV) plant eine Mitarbeiterbörse für Einsaison-Betriebe im Internet. Über die Börse, die bis zur nächsten Wintersaison stehen soll, sollen Mitarbeiter von Winterbetrieben an Sommerbetriebe und umgekehrt vermittelt werden, hieß es am Montag in einer Pressemitteilung.

Die hohe Arbeitslosigkeit im Tourismus ist für die ÖHV ein "Zeichen, dass unser derzeitiges System der Arbeitsplatzvermittlung nicht richtig funktioniert". Über die Mitarbeiterbörse könne künftig ein Einsaison-Betrieb am Arlberg beispielsweise sicherstellen, dass seine Mitarbeiter in der Sommersaison, in der er selbst geschlossen hat, einen Job in einem Einsaison-Betrieb in Kärnten bekommen und im Winter dann wieder bei ihm arbeiten. Davon würden beide Seiten profitieren, hieß es. (APA)

  • Rudolf Kaske, Vorsitzender der Gewerkschaft Hotel, Gastgewerbe, Persönlicher Dienst, "zu wenig offene und zu wenig attraktive Arbeitsplätze" als einen Grund für die steigende Arbeitslosigkeit.

    Rudolf Kaske, Vorsitzender der Gewerkschaft Hotel, Gastgewerbe, Persönlicher Dienst, "zu wenig offene und zu wenig attraktive Arbeitsplätze" als einen Grund für die steigende Arbeitslosigkeit.

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