Die Eisprinzessin

7. Februar 2006, 19:31
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Wenn man dann mit dem Wind im Rücken fast schwerelos bei der Floridsdorferbrücke flussabwärts gleitet

Es war am Wochenende. Und die Eisprinzessin bemerkte uns gar nicht. Aber das war uns eigentlich recht. Schließlich war der Anblick der jungen Frau, die da selbstvergessen auf dem Eis Pirouetten drehte, viel zu fein, um ihm eine Funktion oder Absicht zu unterstellen: Die Frau tanzte nur für sich selbst – und wenn es ihr bewusst gewesen wäre, dass sie Publikum hatte, wäre sie wahrscheinlich nicht so entspannt über und auf dem Eis dahingewirbelt.

Aber auch aus einem anderen Grund waren H. und ich froh, von dem Mädchen mit den geschlossenen Augen und dem iPod in der Hand nicht bemerkt zu werden: So federleicht wie sie waren wir nämlich nicht unterwegs – und das lag nicht nur daran, dass uns beim Flussaufwärtseislaufen auf der Neuen Donau der Wind spürbar entgegen blies: H. und ich sind keine guten Eisläufer – das war sogar in der Samstagabenddämmerung zu erkennen.

Familienrutschpartie

Ich möge meine alten Hockeyschuhe ausgraben und vor dem Haus auf ihn warten, hatte H. am Telefon gesagt. Sonst nichts. Und dann hatten wir bei der Floridsdorferbrücke aufs Eis hinausgerutscht. Wir waren nicht alleine gewesen: Familien – mit und ohne Kinderwagen, Pärchen, kleine Gruppen von Teenagern, Eishockey- und Ballspieler und Eiswanderer begegneten uns auf dem Weg flussaufwärts. Manche mit, viele ohne Eislaufschuhe. Und – als die Dämmerung dann hereinbrach - auch die Eisprinzessin.

Als sich H. kurz nachdem wir vorbeigeschnauft waren nach ihr umdrehte, wirbelte sie immer noch im Kreis. Wir schwiegen – und dann meinte H., dass die riesige Eisfläche mit ihren Menschen ein wenig wie ein altes niederländisches Gemälde aussähe. Man müsse nur den Hochhaushorizont, die Brücken und die gerade Uferlinie im Kopf ein bisserl ummalen – aber die friedlich-glückliche Stimmung, das Winter-Idyll und die sorglose Freude der Menschen wären trotz dieses Unterschiedes gleich. Vor allem wenn man dann mit dem Wind im Rücken fast schwerelos wieder flussabwärts gleitet. (Die Prinzessin tanzte da nicht mehr. Aber sie war noch da - und winkte zurück als wir sie grüßten.)

Spezialschuhe

Niederländisch, sagte wenig später dann - an der Ausstiegstelle an der auch wir unsere Stiefel zuvor stehen gelassen hatten - der Mann mit den seltsamen Schuhen, sei das Setting hier aber wirklich überhaupt nicht. Er dürfte H. gehört haben als er mit seiner Frau zügig an uns vorbeigerauscht war. Zumindest hatte er ein bisserl was von H.s Holländer-These aufgeschnappt – und missverstanden: Holländer am Eis gäbe es eigentlich nur in Holland – und in Kärnten, meinte er und werkelte an seinen Füßen herum. Und wäre am Wiener Eis nur ein bisserl etwas Holländisches, hätte er es leichter, seine Ausrüstung zusammen zu bekommen.

Dabei zeigte er auf seine Schuhe. Silbrig glänzende Fußtorpedos – und die Kufen hielt er, so wie seine Frau auch, in der Hand: Eigentlich wären das Langlaufschuhe – und in die Bindungshalterung könne man auch Kufen oder Skate-Rollen einhängen. Bombenfest, leicht und Platz sparend sei das System – aber weil man in Österreich eigentlich nur auf ein paar Kärntner Seen wisse, was Eislaufen wirklich sein könne, kenne und bekäme man diese Universallösung eben nur in den Niederlanden. Und in Skandinavien.

Hoffnung

Aber heuer, meinte der Mann mit den komischen Schuhe, könne man die Rinne wundervoll befahren. Und auch wenn das bestimmt nicht stimme, habe er dennoch das Gefühl, dass das heuer zum allerersten Mal in der Geschichte des Entlastungsgerinnes möglich sei. Und das mache ihm Hoffnung.

Denn das, was man in Wien sonst unter dem Etikett „Eislaufplatz“ geboten bekäme, sei doch abschreckend. Sogar noch mehr als das – und falls wir ihm nicht glaubten, sollten wir einfach um diese Uhrzeit auf den Rathausplatz gehen. Wir winkten ab: Kein Bedarf – es gäbe schließlich einen Grund, warum wir so wackelig auf Kufen wären. Aber wenn der Stadtwinter noch ein paar Wochen länger dauert, würde sich das ändern, meinte H. - und auf der Heimfahrt träumte er dann davon, zu Beginn des nächsten Winters gemeinsam mit der Eisprinzessin über die Neue Donau zu wirbeln.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
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