Wie könnte die Lage wieder beruhigt werden?

16. Mai 2006, 10:22
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"Sandmonkey", ein Blogger aus Kairo, der zum "Boykott des Boykotts dänischer Produkte" aufruft, zum Streit über Mohammed-Karikaturen

derStandard.at: Was halten Sie von den Mohammed-Cartoons und den Reaktionen darauf?

"Sandmonkey": So wie ich das sehe, ist dieses große Trara nichts als ein Kampf der Heiligtümer. Für die muslimische Welt ist der Prophet heilig und unverhandelbar, während das bei der westlichen Welt für die Rede- und Meinungsfreiheit gilt. Diese Heiligtümer prallen nun in Form störrischer kultureller Kopfstöße aufeinander. Das ist nicht gut, da es hier kein Gewinnen, sondern nur Grade des Verlierens geben kann.

derStandard.at: Erwarten Sie noch mehr Proteste?

"Sandmonkey": Mit Sicherheit. Die verrückten Elemente der muslimischen Community wurden angestachelt, und diese geben keinen Frieden ohne jemanden oder etwas zu attackieren. Sie betrachten das als grundlose Attacke des Westens und denken sie hätten jedes Recht darauf zu antworten - auch mit Gewalt.


derStandard.at: Warum rufen Sie in Ihrem Blog zum Kauf dänischer Produkte auf (siehe Bilder oben und links)?

"Sandmonkey": Weil es absolut dumm ist, ein ganzes Land zu boykottieren, weil eine Zeitung etwas veröffentlicht hat. Egal wie beleidigend das auch sein mag.

Für mich zeugen die Cartoons von schlechtem Geschmack und ich kann verstehen, dass sie für manche Leute verletzend sein können. Aber ich halte die Reaktionen für extrem übertrieben. Es wurden Gebäude angezündet und der "Jihad" gegen dänische Ziele auf der ganzen Welt ausgerufen, das ist einfach nur verdammt dumm. Niemand verdient es, wegen eines Cartoons zu sterben.

Viele Leute aus meinem Bekanntenkreis und Blogger aus dem Nahen Osten sind meiner Meinung, aber sie haben zu viel Angst, zu sagen was sie denken, weil sie befürchten, dass sie sich die Wut der Hyper-Sensiblen unter uns zuziehen könnten. Also dachte ich mir, ich könnte es gleich selbst machen. Jemand muss der Welt schließlich zeigen, dass die verrückten Elemente unter der muslimischen Bevölkerung nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung sind.

derStandard.at: Welche Reaktionen kamen nach Ihrem Aufruf, den Boykott zu boykottieren?

"Sandmonkey": Meine ägyptischen Freunde fragten mich zuerst, ob ich spinne und ob ich getötet werden möchte, aber sie merkten dann auch, dass diese Boykott-Sache Mist war und dass jemand dagegen auftreten muss.

Ich wurde dann von vielen muslimischen und christlichen Bloggern aus dem gesamten Nahen Osten unterstützt, die sich der Kampagne anschlossen und so gaben wir der Debatte einen anderen Blickwinkel.

Morddrohung habe ich noch keine erhalten. Aber natürlich haben wir uns auch den Zorn derjenigen zugezogen, die es für wichtig erachten, dass der Westen die muslimischen Werte und die Dinge, die uns heilig sind respektiert. Diese Leute sehen das nun als ein Beispiel dafür, dass die muslimische Welt zusammenhalten muss. Ich finde aber, dass wir für diesen Zusammenhalt nicht auf gesunden Menschenverstand verzichten müssen.

derStandard.at: Gab es auch aus Europa Reaktionen?

"Sandmonkey": Von der europäischen Seite waren die Reaktionen überwältigend positiv. Ich habe Tonnen von E-Mails von Dänen erhalten, die es einfach nicht verstehen, warum nun ihre Flaggen verbrannt und ihre Produkte nicht gekauft werden. Sie sind unglaublich dankbar dafür, dass sie jemand verteidigt und in diesem Kampf zu ihnen hält. Sie sind dabei ganz besonders dankbar dafür, dass sie von einem Muslim unterstützt werden, weil für sie nun der Eindruck entsteht, alle Muslime seien gegen sie und wollten ihren Tod.

Ich und die zahlreichen anderen Blogger geben ihnen Hoffnung, dass diese Sache durch vernünftigen Dialog gelöst werden kann. Und dass die Dinge nicht so manichäisch sind, wie sie von denen gemacht werden, die die Ätherwellen damit füllen.

derStandard.at: Wie kann die aufgeheizte Stimmung wieder beruhigt werden?

"Sandmonkey": Tja, die Cartoons nachzudrucken oder eine Demo für die Pressefreiheit, auf der der Koran verbrannt wird, werden nicht wirklich hilfreich sein. Das zu vermeiden, wäre ein guter Start.

Falls die Situation noch mehr eskalieren sollte, sollten die europäischen Führer auch reagieren und den arabischen und muslimischen Ländern ebenfalls mit einem Wirtschafts-Boykott drohen. Das würde sie zwingen, ihre Leute zu beruhigen, statt die Dinge eskalieren zu lassen oder durch Forderungen nach Entschuldigungen und Abziehen von Botschaftspersonal noch weiter anzuheizen.

Ein Dänemark-Bashing ist im übrigen leicht: Sie machen Butter und "Lego". Hätte eine deutsche Zeitung die Cartoons zuerst gebracht, wäre es nie zu dieser Form des Protests gekommen, weil kein islamischer Führer Mercedes boykottieren will. Die Saudis können Gucci, Renault und BMW nicht boykottieren und das wissen sie. Wenn Europa zusammensteht und - unter Ausschluss der Öffentlichkeit, damit die muslimischen und arabischen Führer ihr Gesicht wahren können - mit einem solchen Boykott droht, dann werden sich die Dinge schnell wieder beruhigen.

derStandard.at: Was ist Ihr Lieblingsprodukt aus Dänemark?

"Sandmonkey": "Lego" natürlich. Ich habe meine Kindheit damit verbracht und ich liebte es, weil man einfach alles damit machen kann. "Lego" ist toll, Mann!

Zur Person

"Sandmonkey" ist ein 24-jähriger Investmentbanker aus Ägypten. In seinem Blog kritisierte der Muslim die Reaktionen auf die Mohammend-Cartoons scharf und rief dazu auf, mehr dänische Produkte zu kaufen. Für das Interview wollte er anonym bleiben.

Link

Der Blog von egyptiansandmonkey

Die Fragen stellte Rainer Schüller

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