Flucht vor dem Zorn des Diktators

Odyssee eines weißrussischen Filmers

Irgendjemandes religiöse Gefühle hat Oleg Minich (42) nicht verletzt. Es müssen andere Gefühle gewesen sein, staatsmännische wohl, respektive diktatorische. Dazu kam die Übervorsicht der weißrussischen Autorität angesichts der kommenden Präsidentschaftswahlen am 19. März. Der weißrussische Satiretrickfilmer hatte unter anderem Staatschef Alexander Lukaschenko zum Objekt künstlerischer Betrachtung gemacht. Im September 2004 hatte er dazu mit Mitstreitern der weißrussischen Bürgerinitiative "Trety Put" (Dritter Weg) den politisch-satirischen Animationsfilmklub "Multclub" im Internet initiiert, um unter einem Pseudonym eigene Cartoons auf der Website zu veröffentlichen. In 28 zweiminütigen animierten Cartoons wurden Politiker, Oppositionsführer und einfache Leute satirisch vorgeführt.

"Beleidigung des Präsidenten" Die Internetseite fand Zuspruch, bis zu 30.000 Besuche am Tag wurden gezählt. Das Interesse der Staatsmacht folgte auf dem Fuß. Lukaschenkos Zorn, der in den letzten Jahren schon zur Schließung von etwa 20 Zeitungen und zur Inhaftierung dreier Journalisten geführt hat, muss groß gewesen sein. Am 16. August 2005 wurden alle Arbeitsgeräte des Trickfilmers und zweier Mitarbeiter konfisziert, Minich selbst wurde von der staatlichen Geheimpolizei (KGB) verhört und wegen Beleidigung des Präsidenten angeklagt.

Der Cartoonist flüchtete, zunächst nach Moskau. Was folgte, war eine Odyssee, wie der renommierte ukrainische Karikaturist Vladimir Kazanevski, der bis zuletzt mit Minich ständig Kontakt hielt, dem STANDARD nun schilderte. Keine Unterstützung habe Minich demnach in der US-Botschaft in Moskau erhalten. Hilfe gab es erst durch die UNO: Sie beglaubigte ihm die Papiere zum Ansuchen um politisches Asyl in einem westlichen Staat. Mit Zwischenstation in Kiew, wo er sich wie in Moskau nicht sicher vor dem Arm des weißrussischen Geheimdienstes fühlte, reiste Minich am Donnerstag nach Berlin weiter.

Eduard Steiner aus Moskau

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