STANDARD-Interview: Merkel und der neue Transatlantik-Frühling

7. Februar 2006, 13:02
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"Stil ist auch Substanz" - Der deutsche Politologe Karl Kaiser über das Verhältnis Deutschland-USA

"Stil ist auch Substanz", meint der deutsche Politologe Karl Kaiser über das inhaltlich wenig veränderte Verhältnis der deutschen Kanzlerin zu den USA. Christoph Winder stellte die Fragen.

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Standard: Gibt es einen neuen Frühling in den transatlantischen Beziehungen, seit Angela Merkel in Berlin regiert?

Kaiser: Ich würde meinen, wir sind am Beginn eines Neuanfangs, der aber schon unter Gerhard Schröder und mit der Einsicht von Georg Bush begonnen hat, dass er Verbündete braucht. Durch die Wahl von Frau Merkel ist eine Art psychologische Wende eingetreten. Die Amerikaner wollten etwas Neues, die Deutschen wollten etwas Neues, und siehe da, es setzt eine neue Stimmung ein, die vieles leichter macht. In der Substanz ändert sich nur wenig, aber Stil ist auch Substanz, weil man Meinungsverschiedenheiten viel besser behandeln kann.

Standard: Gibt es so etwas wie eine einheitliche transatlantische Position zum Problem Iran?

Kaiser: Vorläufig konnte Einmütigkeit hergestellt werden, und das ist für alle und vor allem für die USA wichtig. Ob es so bleibt, wird die Zukunft zeigen. Denn schwierig wird es erst in der nächsten Phase, wenn die harten Entscheidungen zu treffen sind.

Standard: Wie könnte es denn Ihrer Meinung nach in dieser Krise weitergehen?

Kaiser: Ich glaube, wenn die Iraner nicht kooperieren, werden die Europäer, die Amerikaner und die Russen am gleichen Strang ziehen und auf Sanktionen hinarbeiten. Im Allgemeinen haben auch die Chinesen nicht widersprochen, wenn sich alle anderen im Sicherheitsrat einig sind. Man darf hier aber nicht nur auf die Nato und die USA schauen, sondern auch auf die Dritte Welt. Da hat der Iran noch sehr viele Verbündete. Der Westen muss da noch Aufklärungsarbeit leisten. (DER STANDARD, Printausgabe 6.2.2006)

Zur Person

Karl Kaiser (71) war führender Berater mehrerer deutscher Bundesregierungen und ist jetzt Professor für Politikwissenschaften in Harvard.

  • Karl Kaiser sieht eine "psychologische Wende", von der Substanz her hätte sich an den transatlantischen Beziehungen wenig geändert.

    Karl Kaiser sieht eine "psychologische Wende", von der Substanz her hätte sich an den transatlantischen Beziehungen wenig geändert.

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