Abschiednehmen voller Bedauern

10. Juli 2006, 11:40
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Mehr als 8.000 Besucher warfen in vergangen drei Tagen letzten Blick auf die Klimt-Bilder - Gemälde wurden heute endgültig abgehängt

Wien - Gerbert Frodl, Direktor der Österreichischen Galerie, hat an seinem Plan, die Klimt-Bilder heute abzuhängen, festgehalten: Er habe von E. Randol Schoenberg, dem Anwalt von Maria Altmann, bis Sonntagnachmittag nichts gehört. Er könne daher nicht davon ausgehen, die Bilder länger zeigen zu dürfen. Bildungsministerin Elisabeth Gehrer hatte am Donnerstag erklärt, die Bilder stünden den Erben nach Ferdinand Bloch-Bauer "ab sofort" zur Verfügung.

Besucheransturm

Heute Vormittag wurden die Gemälde abgenommen, um sie im Depot bis zur terminlich noch nicht fixierten Abholung aufzubewahren. Vorher sollen die Restauratoren des Hauses allerdings noch Zustandsprotokolle der Bilder erstellen, um eine sachgerechte Übergabe der millionenschweren Kunstwerke zu ermöglichen. Erwartungsgemäß hatte die Entscheidung des Direktors am Wochenende einen Besucheransturm auf die Österreichische Galerie zur Folge.

Schon am Samstag konnte man mehr als 2.000 Besucher verzeichnen, die sich durch die langen Warteschlangen vor dem Haus nicht abschrecken ließen. Um den Ansturm zu bewältigen, wurde man schon am Samstag nur blockweise in das Haus eingelassen, in dem man sich weiterhin geduldig zeigen musste. Denn die Räume, in denen die Bilder ihre angestammten Plätze hatten, waren das Ziel von insgesamt cirka 4.000 Menschen, die einen letzten Blick auf die Bilder, angebliche Stützpfeiler der heimischen Kunstidentität, werfen wollten.

Heute gab es die exakten Zahlen zum Rekord-Wochenende: Insgesamt besuchten von Freitag bis Sonntag 8.381 Menschen das Museum. Am Freitag waren es 1.440, am Samstag 3.230 und am Sonntag 3.711 Besucher. Zuletzt gab es bei der Staatsvertrags-Schau im vergangenen Mai einen derart großen Andrang. Damals kamen an Spitzentagen über 2.400 Gäste, die einmal das Original des Österreichischen Staatsvertrags bestaunen wollten.

Bedauern über die langen Verhandlungen

Rund um die kostbaren Gemälde ein vielfältiges Stimmengewirr mit durchgängigem Tenor: "Es geht eigentlich relativ rasch", meinte eine junge Frau vor Ort, die die Rückgabe der Bilder zutiefst bedauert, aber "natürlich für rechtmäßig" hält.

Bedauert wurden aber nicht nur die Rückgabe der Bilder, sondern auch die langen Verhandlungen, die die Bilder im Preis nun unerschwinglich werden ließen: "Man hätte das alles viel früher regeln sollen und das erste Angebot der Erben wahrnehmen müssen", meint ein älterer, soignierter Herr, der anders als viele andere Besucher die Bilder nicht zum ersten Mal sieht: "Immer wieder bin ich hergekommen," so der Fin-de-siècle-Freund, "um die hervorragenden Bilder zu sehen." Und weil er sie nun vielleicht nie mehr wieder sehen wird, war das lange Warten für ihn einfach ein Muss.

Gelassenheit regiert

Bis auf eine deutsche Besucherin, die Klimt als einen der bedeutendsten österreichischen Künstler bezeichnet und seine Werke deswegen in Wien und nirgendwo anders sehen will, standen die vielen (Neo-)Klimt-Fans der Restitution der Bilder einigermaßen gelassen gegenüber: "Es ist schade, aber rechtmäßig und okay", ließe sich der gemeinsame Nenner der Befragten zusammenfassen.

Für einige war überhaupt erst das angekündigte Abhängen der Bilder ein Grund, das Belvedere, sonst nicht das geläufigste aller Kulturausflugsziele, festlich gestimmt zu betreten. Ein Aufseher, der die langen Schlangen fachkundig einwies, kramte gelassen in seinem Erfahrungsschatz: Spätestens gegen 17 Uhr lasse der Ansturm der Schaulustigen nach.

Restitutionsgesetz

Ein Dame in Pelzmantel erzählte, dass den Klimt-Bildern ihre ersten Wiener Museumsbesuche gegolten hätten: "Selbstverständlich komme ich auch dann, wenn man sie letztmals betrachten kann." Ein anderer Herr geißelt in nachdrücklichen Worten das Restitutionsgesetz, das die Ausfuhr überhaupt erst ermögliche. Er bleibt mit seiner Meinung, zumindest an diesem Nachmittag, jedoch ziemlich allein. (cb/DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2006 / APA/red)

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    Langes Anstellen und Blockabfertigung: Die Besucher ließen sich die letzte Gelegenheit, die Klimtbilder im Belvedere zu sehen, dennoch nicht vergällen.

  • Aura und Abschiedsschmerz: massenhafter Andrang vor Klimts "Goldener Adele" im Oberen Belvedere - jetzt ist es vorbei mit der Schaulust in Wien.
    foto: standard/robert newald

    Aura und Abschiedsschmerz: massenhafter Andrang vor Klimts "Goldener Adele" im Oberen Belvedere - jetzt ist es vorbei mit der Schaulust in Wien.

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    Mehr als 8.000 Menschen warfen in den vergangenen drei Tagen einen letzten Blick auf die Klimt-Gemälde.

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