Belle and Sebastian: "The Life Pursuit"

    27. Februar 2006, 00:26
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    Ein neuer Produzent und kein neuer Fehler: So gut haben die Schotten schon lange nicht mehr geklungen

    Es war einmal in einem anderen Jahrtausend hoch oben im dunklen Nordwesten eine Band, die hatte Magie wie keine andere ihrer Zeit. Als sich der erste Erfolg einstellte, leckten sie Blut und zogen immer neue Kunststücke aus dem Hut, um immer mehr Menschen zu gefallen - und versuchten schließlich sogar den waghalsigsten Zaubertrick von allen: nämlich die eigene Magie verschwinden zu lassen. Der Trick gelang und erhielt den Namen "Dear Catastrophe Waitress".

    Die Rolle der bösen Stiefmutter in diesem Märchen fiele nach Meinung der meisten Alt-Fans von Belle and Sebastian wohl Trevor Horn zu, der die 2003 erschienene "Catastrophe" produzierte. Aber die Wirklichkeit ist eben kein Märchen, sondern komplizierter. Schon das 2000 erschienene "Fold Your Hands Child, You Walk Like A Peasant", obwohl ganz im alten Stil der Band gehalten, war ja nur noch ein Schatten früherer Meisterwerke wie "If You're Feeling Sinister" oder "The Boy With The Arab Strap". Das Songwriting, eigentlich die große Stärke der Band beziehungsweise ihres Leadsängers Stuart Murdoch, begann zu enttäuschen - nach den Maßstäben einer überragenden Band wohlgemerkt. Die Latte lag eben hoch. Auf "Dear Catastrophe Waitress" setzte sich der Trend verstärkt fort; Horns stromlinienförmige (Über-)Produktion gab dem Ganzen dann den Rest.

    ... womit wir endlich zum Positiven kommen

    "The Life Pursuit" geht zwar nicht wirklich einen Schritt zurück, integriert aber die Leistungen der Vergangenheit viel besser in den weiter bestehenden Wunsch, druckvoller und einfach poppiger rüberzukommen, weg vom früheren Ruf der intellektuellen Kammermusik-Nerds. Und mit Tony Hoffer wurde ein Produzent ausgewählt, der als Referenzen Supergrass oder die Turin Brakes vorzuweisen hat - statt wie Horn t.A.T.u. und Frankie Goes To Hollywood. Und Barry Manilow. Kein Wunder, dass die Sound-Synthese diesmal klappt.

    Und der neugewonnene Pepp zieht sich wie ein roter Faden durch 13 Songs, die stilistisch so vielfältig ausgefallen sind wie nie zuvor: Sei es himmelblauer Sixties-Pop ("Another Sunny Day"), seien es funkige Anflüge ("Song for Sunshine", schon wieder die Sonne), Blue-eyed Soul ("For The Price Of A Cup Of Tea") oder astreine Glamrock-Stücke im Stil von T.Rex oder Steve Harley ("White Collar Boy", "The Blues Are Still Blue"). Und alleine schon, dass einem Namen für Vergleiche einfallen, zeigt, dass sich einiges bei B&S verändert hat.

    Ein Selbstbedienungsladen ... aber sehr gut sortiert

    Die Unverwechselbarkeit ist einem Stil-Eklektizismus gewichen, aus dem sich dafür wirklich jeder was rauspicken kann - einfach weil die Songs wieder so gelungen sind wie in den früheren kreativen Hochphasen der Band. Und mit "Dress Up In You" ist sogar eine der klassischen, sich langsam in voller Schönheit (und inhaltlicher Traurigkeit) entfaltenden B&S-Balladen enthalten, die die erste Fan-Generation der Band hervorbrachten. You're a star now, I am fixing people's nails. I've got a boyfriend - I've got a feeling that he's seeing someone else. He always had a thing for you as well. Neid und Enttäuschung in Worte gegossen und hauchzart gesungen - ein weiteres der kleinen großen Dramen, für die Belle and Sebastian als Trademark stehen.

    Vom rein musikalisch unleugbar transportieren positiven Gefühl sollte man sich ohnehin nicht täuschen lassen: Inhaltlich überwiegt in den gesungenen Kurzgeschichten-Szenarien weiterhin die Melancholie - selbst in der als erste Single ausgekoppelten, mitrießend händeklatschenden Ode an die nichtsahnende Geliebte ("Funny Little Frog") ist der optimistische Tenor ja nichts anderes als Realitätsverweigerung.

    Am Mikro

    Dass Stuart Murdoch in den Videos immer mehr in den Mittelpunkt rückt, könnte man als weiteres Indiz dafür werten, dass sich das einstmals eher anonym daherkommende Kollektiv den Gesetzen des Pop-Business ein wenig bereitwilliger beugt als früher. Gesanglich gesehen ist diese Fokussierung jedenfalls erfreulich: Murdochs unverwechselbares Organ, diesmal in größerer Bandbreite eingesetzt denn je, kann wunderbar durch Begleit-Vocals ergänzt werden - Ersatz gibt es dafür aber keinen, ohne dem B&S-Sound etwas wegzunehmen. Sieht man vom quirlig-großartigen Gastauftritt Monica Queens im Duett "Lazy Line Painter Jane" (lang, lang ist's her ...) ab, waren die von den Band-Frauen gesungenen Lieder immer ein wenig unbefriedigend, einfach nur mangels Stimmvolumens.

    ... ich persönlich weine der Bitte-helft-der-Frau-ins-Sauerstoffzelt-Stimme von Isobel Campbell jedenfalls keine Träne nach, aber das ist natürlich Geschmackssache. Wie auch die in den letzten Wochen erschienenen Artikel über "The Life Pursuit", in denen stets andere Songs ganz selbstverständlich als "eindeutig der beste" herausgestrichen werden, eigentlich nur eines zeigen: Nämlich welche Phase aus dem Schaffen von Belle and Sebastian dem jeweiligen Rezensenten am besten gefallen hat. In einem Punkt scheinen sich aber alle einig zu sein: Das ist eine wirklich, wirklich gute Platte - da beißt die Maus keinen Faden ab.
    (Josefson)

    • Belle and Sebastian: "The Life Pursuit" (Sanctuary/Edel 2006)
      coverfoto: sanctuary/roughtrade


      Belle and Sebastian: "The Life Pursuit" (Sanctuary/Edel 2006)

    • Kapitän an Bord: Stuart Murdoch
      foto: edel


      Kapitän an Bord: Stuart Murdoch

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