Die Sache mit der "guten Sache" im Burgenland

20. Februar 2006, 20:23
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Nur 14 Prozent der Burgenländer halten EU für eine "gute Sache" - Obwohl das Bundesland profitierte wie kein anderes

Trotz üppiger Ziel-1-Milliarden halten nur 14 Prozent der Burgenländer die EU für eine "gute Sache". Für viel mehr noch ist sie überhaupt eine Sache - oder, schlimmer noch, "de Sochn".

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Eisenstadt - Die jüngste Eurobarometer-Umfrage bescheinigte den Burgenländern eine ganz erstaunliche Ambivalenz. Einerseits hat das Land, in dem sie leben, seit dem EU-Beitritt profitiert wie kein zweites in Österreich, andererseits halten nur 14 Prozent von ihnen die EU für eine "gute Sache".

Und das ist eine doch recht interessante Sache. Denn immerhin hat das Burgenland einst mit der österreichweit größten Zustimmung den Beitritt begrüßt und auch überproportional davon profitiert. In zwei Ziel-1-Perioden sind Förderungen in der Höhe von 985 Millionen Euro ins Land geflossen, die Investitionen im Umfang von 2,6 Milliarden ausgelöst haben. Wer offenen Auges durchs Land fährt und sich ein wenig die Erinnerung bewahrt hat, kann sehen, dass die Sache - wenn sie denn überhaupt eine sein soll, die EU - immerhin keine "schlechte" sein kann, wie die Mehrheit der mit Fördergeld geradezu Zugeschütteten mutmaßt. (Sample: 80, das dazuzusagen gebietet der Respekt vorm Pannonier und seiner Schlüssigkeit gegenüber sich selbst).

Raffgierige Klaue

Das Rätsel, dass da einer die Hand, die ihn füttert, für eine raffgierige Klaue hält, wird nicht geringer dadurch, dass immerhin 30 Prozent der 80 Befragten "Vertrauen" in die EU hat. Und obwohl das Eurobarometer den Österreichern insgesamt hohes "Wissen" attestiert, scheint doch einigermaßen fraglich, was da wirklich abgefragt worden ist, wenn 30 Prozent "Vertrauen" zu etwas haben, von dem nur 14 Prozent glauben, dass es eine "gute Sache" sei. Man sollte nicht vergessen, dass das österreichweit gültige Füllwort "Ding" im Burgenland als "Sache" bezeichnet wird. Und so sieht der Burgenländer im Schnitt die EU wohl auch: als "Sochn". "Na, du weißt schon: das Dings da."

Unglaublich

"Alarmiert" fühlt sich VP-Nationalrat Franz Glaser gleichwohl. "Dass wir", sagt der Südburgenländer, "vom Land mit der höchsten EU-Zustimmung zum Land mit der größten EU-Skepsis geworden sind, ist geradezu unglaublich." Dem müsse entgegengesteuert werden. Aber wie? Da fällt Glaser vor allem das ein, was der Unglaublichkeit ein gerüttelt Maß Glaubwürdigkeit verleiht: beinahe ritualisierte SPÖ-Schelte für Euro-Populismus, der sich Burgenlands VP-Chef Franz Steindl gern anschließt: "Hier geht die Gusenbauer-SPÖ einen sehr gefährlichen Weg."

Der angesprochene Landeshauptmann Hans Niessl, der im Herbst mit der Frage der Arbeitnehmerfreizügigkeit Wahlkampf gemacht hat, sieht den Grund in der großen EU-Skepsis sozusagen aus eigener, föderalistischer Perspektive: "Die Menschen lehnen zu viel Zentralismus ab. Daher wäre es wichtig, dass die Regionen gestärkt werden."

Europa wäre was anderes als "de Sochn"

Mehrere, ebenfalls nicht von der Hand zu weisende Gründe führen der Landeshauptmann und sein Stellvertreter noch an, von der "neoliberalen Politik" bis zum mangelnden Werbewert der Wertegemeinschaft. Freilich bleibt auch bei ihnen der vage Eindruck, "die EU" sei - ob gut oder schlecht, mag dahingestellt sein - in erster Linie "de Sochn", etwas also, dessen Präsenz sich nicht in einem spontan erinnerten Namen manifestiert, sondern höchstens dadurch, dass es einem auf der Zunge liegt. So wie die Sache mit dem Euro - ein Teuro, gewiss. Aber 18 Prozent der Burgenländer (fünf österreichweit) wünschen sich den Euro als allgemeine EU-Währung. No na, wenn man sich so das Umrechnen zum Forint (1: rd. 250) erspart. Aber das wäre dann schon nicht mehr EU - sondern Europa. Und das ist etwas anderes als . . . de Sochn. (DER STANDARD, Printausgabe 4./5.2.2006)

Von Wolfgang Weisgram
  • Fahne, Hymne, Parlament - alles da. Dennoch bleibt die EU weiterhin etwas, das den meisten, und nicht nur den Skeptikern im Burgenland, höchstens auf der Zunge liegt, sozusagen als "das Dings da".
    foto: semotan/collage beigelbeck

    Fahne, Hymne, Parlament - alles da. Dennoch bleibt die EU weiterhin etwas, das den meisten, und nicht nur den Skeptikern im Burgenland, höchstens auf der Zunge liegt, sozusagen als "das Dings da".

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