"Fetischisierung" der Topjournale

22. Februar 2006, 12:53
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Der Zwang des Zitiertwerdens verdrängt zunehmend die Qualität der publizierten wissenschaftlichen Arbeiten

Die jüngsten Fälle von Wissenschaftsbetrug haben erneut an der Glaubwürdigkeit von Fachmagazinen gekratzt. Vor allem das "Peer Review" genannte Gutachtersystem ist weiter in Misskredit geraten. Immerhin sind die gefälschten Studien trotz Expertenschau publiziert worden. Schon der bisher letzte "Cope-Report 2003" des Komitees für publizistische Ethik mit Sitz in London stellte gravierende Mängel fest. Dieser Verband internationaler Fachmagazinherausgeber prangerte 29 Fälle von Mauscheleien, Bestechungen und Betrügereien an, in einem Fall kam es sogar zu einem Verfahren: Zwei US-Forscher hatten im British Medical Journal behauptet, Passivrauchen sei nicht gesundheitsschädigend. Die Autoren hatten freilich verschwiegen, dass sie im Sold der Tabakindustrie stehen, einer von ihnen sogar als professioneller Lobbyist und PR-Mann.

Der Einfluss der Industrie auf die angesehensten Magazine ist inzwischen dokumentiert. Forscher arbeiten mitunter als Konsulenten von Firmen, deren Produkte sie untersuchen, sind Mitglieder von Beiräten, haben gemeinsame Patente, oder sie stimmen zu, als Autoren von Artikeln aufzuscheinen, die Ghostwriter der interessierten Firmen verfasst haben. Dies trifft gleichermaßen auf Autoren wie Gutachter zu. Letztere, die Reviewer der bei Magazinen eingereichten Arbeiten, werden nach subjektiven Kriterien der Herausgebers ausgewählt, arbeiten unentgeltlich, sind anonym, erhalten nicht die Rohdaten der Arbeiten, sondern nur die Ergebnisse samt meist schlecht kopierten zugehörigen Abbildungen und haben - ob der zunehmenden Masse an Publikationen und eigener Verpflichtungen - kaum noch Zeit dafür. Nicht selten werden Studien von den auserwählten Gutachtern an junge Kollegen, an ihre Subalternen und Helfer zum Bearbeiten weitergegeben. Die Peers selbst unterschreiben nur noch, ohne den genauen Inhalt zu kennen. Mitunter wird auch auf den guten Namen eines der angeführten Autoren blind vertraut.

Oder Gutachter nutzen ihre Stellung aus. Sie haben nämlich den Vorteil, das Neue lange vor Veröffentlichung zu Gesicht bekommen. Und sie können die Konkurrenz hinhalten, sie mit Änderungswünschen quälen und die Gutachten und somit die Publikation verzögern. In der Zwischenzeit können die Peers ihre eigenen Leute mit Daten, Ideen und Projektdesigns der Begutachteten versehen - und damit die Konkurrenz überholen.

Das deutsche Krebsforscherpaar Hermann und Brach zum Beispiel lehnte unter dem Schutz der Anonymität als Gutachter einen holländischen Forschungsantrag ab und reichten ihn, ins Deutsche übersetzt, 1:1 bei derselben Stiftung selbst wieder ein: 260.000 Mark (133.000 Euro) wurden ihnen bewilligt.

Eine weitere Kritik richtet sich gegen den Einfluss der Magazine: Sie bestimmen nämlich durch die Auswahl der Publikationen, was die Öffentlichkeit aus der Wissenschaft erfährt, was also Trend ist. In Folge beeinflusst das auch, welche Forscher Fördergelder erhalten und welche Professoren Stellen bekommen. Auch in Österreich muss jeder Wissenschafter, der sich an einer Uni habilitieren will, der eine Professorenstelle anstrebt, eine Liste mit seinen Veröffentlichungen vorlegen. Dabei kommt es nicht nur darauf an, wie viele Arbeiten er publiziert hat, sondern auch wo er veröffentlicht hat. Denn jedes Fachmagazin hat seinen Wert, ausgedrückt im so genannten Impact-Faktor. Je höher dieser ist, desto höher der Stellenwert des Journals.

-->Der Impact-Faktor Der Impact-Faktor des ISI (Institute for Scientific Information, heute im Besitz des US-Konzerns "Thomson") ist so etwas wie der Aktienkurs eines Wissenschaftsjournals. Er misst die Resonanz und damit angeblich die Qualität des Journals, somit auch die seiner Autoren. Dafür werden alle Zitate gezählt, die ein Zeitschriftenjahrgang in den ersten zwei Jahren nach Erscheinen und ein zweiter Jahrgang im ersten Jahr erbringt. Diese Gesamtsumme wird dividiert durch die Zahl der "zitierfähigen" Artikel (Originalarbeiten). Das ist ein Vorteil für Magazine mit vielen nicht zitierbaren Editorials, Briefen und journalistischen Beiträgen. Das ergibt bei der erwähnten Division über dem Bruchstrich eine große Zahl aller Zitate, darunter eine kleine der zitierfähigen Arbeiten: macht einen großen Faktor.

Dieser ist natürlich beeinflussbar. Etwa dadurch, dass sich die Autoren eines Journals gegenseitig zitieren. Denn Selbstzitate zählen sonderbarerweise zur Resonanz. In der Medizin gibt es Magazine mit 60 und mehr Prozent Selbstzitaten - hier degeneriert der Impact-Faktor zum Inzest-Faktor. Und das sich das Zitatezählen auf die ersten zwei Jahre nach Erscheinen beschränkt, begünstigt das boomende Disziplinen wie Genetik und Krebsforschung, sie bestraft aber all jene Fächer (wie etwa Mathematik und Geschichte), deren Artikel noch nach Jahrzehnten zitiert werden - die zählen nicht mehr. Nature und Science weisen derzeit Impact-Faktoren um die 30 auf, fast alle anderen der weltweit rund 8000 Journale liegen um mehr als das Zehnfache darunter.

Der Zwang des Zitiertwerdens verdränge die Bedeutung des wissenschaftlichen Ergebnisses, der Inhalt trete zunehmend in den Hintergrund, während der Ort der Veröffentlichung, das Journal, zum eigentlichen Qualitätsmerkmal werde: Selbst Peter Lawrence, britischer Wissenschafter am molekularbiologischen Labor in Cambridge und Herausgeber der Topzeitschriften Development und Cell, kritisiert dieses System, das seine eigenen Blätter pusht: Machiavellistische Qualitäten des Forschers seien inzwischen wichtiger als dessen fachliche Kompetenzen. Impact-Faktoren verkämen zum Selbstzweck. Das Ergebnis sei eine "Fetischisierung" der Topjournale. Was aber tun?

Diskutiert wird ein Abgehen vom klassischen Begriff der Autorenschaft. Dieser könnte durch den präziseren der Kontribuentenschaft ersetzt werden: Was, wer, wie, wo zu einem Projekt beigetragen hat, sollte genau verzeichnet werden, statt der bisher üblichen Autorenauflistung - oft nach Alphabet. Weiters wird über eine Umstrukturierung des Gutachtersystems nachgedacht. "Open Access"-Verfahren könnten die Anonymität einzelner Peers beseitigen, die Begutachtung durch die interessierte Scientific Community im Gesamten erfolgen. Und da Aufdecker bisher eher sanktioniert wurden als die Fälscher, müssten "Whistle Blowers" mehr geschützt, die Zivilcourage gefördert werden. Außerdem wäre eine juristische Stärkung der Stellung der plagiierten oder betrogenen Forscher dringend erforderlich.(Andreas Feiertag, Gerhard Fröhlich/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5. 2. 2006)

Von Gerhard Fröhlich und Andreas Feiertag
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