Eine unfaire Portion Glück

12. Juni 2006, 10:00
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Warum der Comer See und insbesondere Bellagio so einladend sind

Umgekehrt wird ein Y draus. Er hat eine merkwürdige, unverwechselbare Form, auf der Landkarte ein Riesenmänneken, das vorsichtig von Lecco nach Como steigt oder umgekehrt. Ein Markenzeichen, lang gestreckt, dünn und krakelig. Wir nähern uns dem Comer See aber nicht mit dem Finger auf der Landkarte, sondern etwas umständlicher, auf eine der drei Extremitäten zufahrend. Es geht auch kaum anders. Und wenn der Anflug oder die Autobahn schnell und mühelos gewesen sein mögen, was keineswegs garantiert ist: Die letzten Kilometer geraten jedenfalls mühsam. Da heißt es durchhalten, die Weichbilder der Städte durchqueren. Es lohnt sich.

Dass sich der Lago di Como lohnt, ist eine Binsenweisheit. Aber warum eigentlich? Wir werden der Frage nicht auf den Grund gehen können, wenn wir kalauernderweise feststellen, dass der See fast einen halben Kilometer tief und damit der tiefste Europas ist. Das ist zwar nicht sehr verwunderlich, wenn wir bedenken, dass er als Gerinne von einigen der größten Gletscher der Eiszeit übrig geblieben ist. Nicht verwunderlich auch, wenn wir sehen, wie steil manche der Berge rund um den See aufsteigen, bis zu 2000 Meter hoch - die Landschaft erinnert an Fjorde.


In Ruhe gelassen

Damit kommen wir der Besonderheit des Sees schon näher, buchstäblich. Denn während der östliche Nachbar Gardasee sich großzügig im norditalienischen Hügelland ausbreitet, sind wir hier nie weit vom gegenüber liegenden Ufer entfernt. 51 Kilometer ist der Lago di Como lang, aber nur maximal viereinhalb breit.

Nicht dass wir uns dieses Wissen vorher anlesen müssten. Wir spüren es, wenn wir etwa vom alten Stadtkern Comos aus ein paar Schritte Richtung Hafen gehen, ein ganz klein wenig das Wasser riechen, und wenn der Blick auf die ersten Villen frei wird.

Dabei ist die Stadt, obwohl Namensgeberin, keineswegs vom See abhängig, nicht einmal ihm besonders zugewandt, vielmehr ein eigenständiges regionales Wirtschaftszentrum, obendrein eine Art Welthauptstadt der Seidenkrawattenherstellung. Ähnlich souverän liegt Lecco quasi nur zufällig am benachbarten Seearm alias Lago di Lecco. Aber fairerweise muss man dazusagen, dass alle anderen Ortschaften - Städte kann man sie nicht mehr nennen -, die den See säumen, auch von ihm leben, jeweils neue Bildvorlagen und Kulissen für das immergleiche Stück darstellen, das den Arbeitstitel Norditalienische Seeuferromantik trägt.

In Wirklichkeit beginnt dieses Stück bereits an den Ausläufern der beiden Hauptorte, dort, wo die ersten Villen stehen. Und egal, wie wir jetzt weiterfahren, wir werden immer neue Beispiele herrschaftlicher Architektur sehen. Sich am Comer See zu erholen, ist eine Tradition seit vorrömischen Zeit und erst recht, seit Mailänder Patrizier und Großbürger die nahe Gegend für sich entdeckt haben. Wir werden durchaus dazu ermuntert, immer wieder stehen zu bleiben und barocke, Gründerzeit- oder moderne Villen zu entdecken, unmittelbar vor der Nase oder am gegenüber liegenden Ufer. Die Uferstraßen sind ohnehin kurvig und unüberschaubar, an ein schnelles Durchfahren ist nicht zu denken. Umso besser.

Es steigert die Freude auf Orte mit vorauseilendem Ruf wie Menaggio oder Varenna, beide auf halber Höhe am westlichen bzw. östlichen Ufer. Varenna hat es besser getroffen, es ist dank der weit oben in den Berg gesprengten Autobahn heute in Ruhe gelassen, genießt das und teilt das Gefühl mit uns Besuchern.

Menaggio hingegen ist "Verkehrsknotenpunkt", und das hat ihm nicht gut getan. Die Straße vom Luganer See trifft sich mit der am Westufer, die durch keine Autostrada entlastet ist. Touristen, die bereits die Villa Carlotta weiter im Süden besichtigt oder in Laglio vergeblich nach George Clooney Ausschau gehalten haben, stecken jetzt im Stau. Sie haben zwei Möglichkeiten: in einem der Hotels selbst ein Villen-Gefühl zu entwickeln oder die Fähre nach Bellagio zu nehmen.

Bellagio, zu Deutsch die schöne Bequemlichkeit, ist der geheimnisloseste Tipp des ganzen Sees, und es ist klar, warum. Der Ort liegt genau an der Spitze der Halbinsel zwischen den beiden südlichen Beinen, sozusagen im Schritt des Landkartenmännekens. Er ist ebenso von allen Seiten sichtbar, wie er schwer zu erreichen ist (außer eben mit den Fähren von beiden Ufern). Hier kommen wir nicht her, um kurz Station zu machen, hier ist Endstation, wie selten wo. Ruht euch aus, sagt Bellagio, genießt den Rundblick, parkt euch ein, geht spazieren.

Liebe am Ufer

Eine Geschichte über glückliche Liebe, hat Franz Liszt einmal sinngemäß gesagt, sollte an den Ufern des Lago di Como spielen. Am besten, wäre hinzuzufügen, auf der Uferpromenade von Bellagio. Vielleicht ist etwas dran an der Rede von den Kräften, die von manchen Plätzen der Welt ausgehen. Oder es liegt nur an der geradezu unfairen Portion Glück, mit der diese Seespitze, die zugleich Seemitte ist, gesegnet wurde, an der Lage, dem Klima, dem Panorama, dem sanften und doch nie ganz ruhigen Ufer. Jedenfalls hört die Reihe der wohlhabenden Familien nicht auf, die sich in Bellagio ihre residenza geschaffen haben. Eine dieser Villen, die der Serbellonis, wuchs sich zu einem Grand Hotel aus, das auf allen Listen begehrter Luxusherbergen einen vorderen Platz einnimmt.

Auf den oberen Teil des dazugehörigen Parks und seine Bauten ist die Rockefeller-Stiftung in den Fünfzigern aufmerksam geworden, und seither gehören four to six weeks in Bellagio zu den erstrebenswertesten Stipendien für Künstler und andere, die etwas zu sagen haben und dafür ein wenig Zeit und viel inspirierende Schönheit brauchen.

Nach Anmeldung kann man ihr Anwesen besichtigen. Muss aber nicht sein. Das Schöne ist, dass hier vieles sein kann, aber nichts sein muss, kein Wassersport, kein Zwang zum Fun. Abseits der doch sehr geschäftigen Wochenenden zeigt sich der Comer See hier von seiner angenehmsten Seite: als Sommerfrische, die bereits im Frühjahr den Namen verdient. Zum Abbusseln. (Der Standard, Printausgabe 4./5.2.2006)

Von Michael Freund

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Comersee Info
  • Ein schottisches Loch, ein norwegischer Fjord? Die besondere Form des Comer Sees
lässt viele Interpretationen zu. Im Winter besonders mystische.
    foto: apt de comasco

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