Indische Träume

28. Mai 2006, 19:59
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Der Subkontinent ist nicht mehr "Chinas kleiner Bruder", sondern eine Wirtschaftsmacht mit klarem Profil und Ambitionen - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Das 21. Jahrhundert soll das "indische Jahrhundert" werden, sagte Indiens Premier Singh in Davos. Das ist keine Kampfansage, sondern die Beschreibung des indischen Booms, der vor 15 Jahren mit der Entstaatlichung und dem Übergang zur freien Marktwirtschaft begonnen hat. Mit einer Milliarde Menschen und jährlich sechs Prozent Wachstum ist Indien heute nicht "Chinas kleiner Bruder", sondern eine Wirtschaftsmacht mit sehr klarem Profil – und Ambitionen.

Sein bester Repräsentant: Lakshmi Mittal. Der CEO des Stahl-Weltmarktführer Mittal und drittreichster Mann der Welt. Für Spannung sorgt die – bis dato offene – Geschichte weit über die Stahlbranche hinaus. Mit gutem Grund: Sichtbar werden die Konturen einer Globalisierung mit umgekehrten Vorzeichen. Aus riesigen "emerging markets" Asiens entwickeln sich ehrgeizige Wettbewerber, die sich mit erstklassigen Strategien die vorderen Positionen in der Weltwirtschaft erobern – nicht nur im Stahlsektor.

Der atemberaubende Aufstieg von Mittal, einst als wachsende Ansammlung "rostiger Stahlwerke" von den Europäern belächelt, rückt nun Indien neben China in den Mittelpunkt. Ein Tatbestand, dem österreichische Unternehmer noch nicht gerecht werden.

Mehr als 100 indische Teilnehmer am Weltwirtschaftsforum Davos – viermal so viele wie aus China – lassen keinen Zweifel an der neuen Rolle des indischen Subkontinents:

1. Der Globalisierungsgewinner: Der Flirt mit der Globalisierung fing in Indien nicht gut an. Nach der Marktöffnung in den 90er-Jahren kam zunächst die Marktüberflutung durch chinesische Produkte und zahlreiche schwache Unternehmen verschwanden. Einige der besten aber schafften die Transformation in international konkurrenzfähige – so wie Tata, Birla und Reliance als Konglomerate, Biocon in Biotech, Infosys und Wipro im IT-Sektor. Einige von ihnen zeigten schon ihre Aggressivität durch mutige Akquisitionen im Westen: So zum Beispiel die Kalyani-Group, die 2003 gleich drei deutsche Autozulieferer akquirierte.

2. Der globale Dienstleister: Nicht der Produktions-, sondern der Dienstleistungssektor ist die wahre Wachstumslokomotive Indiens: 60 Prozent der Wirtschaftsleistung ist direkt und indirekt in diesem Bereich. Indien gilt als das weltgrößte Labor für Softwareentwicklung. Keimzelle ist die südindische Stadt Bangalore, wo wie in Silicon Valley hundert Top-IT-Konzerne ihre Entwicklungslabors haben. Daneben entwickelt sich der Biotech-Sektor. Der Vorteil: Viele englischsprachige Elitestudenten gelten als wichtigstes Asset.

3. Der Neu-Erfinder: Wie Mittal – als König Midas des Stahl – die Branche neu erfunden hat, so gehen auch viele indische Firmen vor: Keine Angst vor großen (Strategie-)Schritten und schneller Umsetzung – "Wir brauchen viel größere Unternehmen, gesündere Unternehmen", erklärt Mittal das Tempo seiner Expansion, die seit mehr als zehn Jahren funktioniert: "Schrottbuden" werden in kürzester Zeit in hocheffiziente, analytisch geführte Vorzeige-Stahlwerke verwandelt. Dafür sorgt eine hochprofessionelle Managementtruppe.

Andere Unternehmen experimentieren mit neuen Ansätzen zur Förderung der Binnennachfrage und Infrastruktur im Sinne eines Win-win: So entwickelte die ICICI-Bank ein Partnerschaftsmodell für Finanzdienstleistungen, um die ländlichen Gebiete – in denen 650 Millionen Bürger leben – zu erschließen und zugleich neue Kunden zu gewinnen. Indien muss sich neu erfinden, denn es gibt keine Modelle, auf die es sich beziehen kann – allerdings muss sich die westliche Welt wieder erfinden, um mit den neuen Kräften aus China und Indien umzugehen.

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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