Feministin entzauberte die Geschlechter

6. Februar 2006, 15:25
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Betty Friedan (85) kämpfte seit Jahrzehnten für die Befreiung von rigiden Geschlechterrollen - ein Porträt

Betty Friedan, die am Samstag ihren 85. Geburtstag feiert hätte (geboren am 4.2.1921), schrieb 2000 ihre Memoiren und nannte sie "My Life so Far" (Mein Leben bis jetzt). Im Alter von 72 verfasste sie "The Fountain of Age" (Mythos Alter). Ihr bahnbrechendes Werk war jedoch die 1963 erschienene erste Bibel feministischer Literatur, "The Feminine Mystique" ("Der Weiblichkeitswahn oder die Mystifizierung der Frau"), das erstmals die Rolle der amerikanischen Frau als Hausfrau und Mutter infrage stellte, die feministische Bewegung in die Wege leitete und gleichzeitig einen Sturm der Entrüstung unter Konservativen auslöste.

Noch heute reiht sie der erzkonservative Radio-Talkshow-Meister Rush Limbaugh gemeinsam mit Gloria Steinem und anderen unter den "Femi-Nazis" ein. 1966 gründete sie die National Organization for Women (NOW), deren Präsidentschaft sie bis 1970 innehielt. Später war sie wesentlich an der Schaffung der National Abortion Rights Action League (Naral) beteiligt, die heute noch aktiv ist.

Biografisches

Elizabeth ("Betty") Naomi Goldstein wurde am 4. Februar 1921 in Peoria, Illinois, in eine gut situierte Mittelklassefamilie hineingeboren und besuchte auf Drängen der Mutter das legendäre Smith College. Smith war zu dieser Zeit ein reines Frauencollege, eines der so genannten "Seven Sisters", Pendants zu den gerühmten Männerhochburgen Harvard, Yale oder Princeton.

1947 heiratete sie ihren Mann Carl Friedan, mit dem sie eine mehr als zwanzig Jahre andauernde, manchmal recht stürmische Ehe führte, die 1969 in einer Scheidung endete. Der Ehe entsprangen drei Kinder. Nachdem sie 1952 wegen ihrer zweiten Schwangerschaft einen Job bei einer Gewerkschaftszeitung verlor, begann sie, Artikel zu schreiben, die niemand abdrucken wollte, bis Friedan sie 1963 in dem Buch "The Feminine Mystique" zusammenfasste, das über Nacht auf die Bestsellerlisten kletterte. "Das Problem, das keinen Namen hat", schreibt sie, "ist schlicht und einfach die Tatsache, dass amerikanische Frauen davon abgehalten wurden, ihre vollen menschlichen Kapazitäten zu entwickeln."

Feinde

Friedan sah die Rolle des Mannes nicht als Unterdrücker: "Männer sind nicht die Feinde, sondern ebenfalls Opfer. Der wirkliche Feind ist die Erniedrigung der Frauen selbst." In ihrem Buch "The Second Stage" (Der zweite Schritt) forderte sie Feministinnen auf, "mit der Gleichheit, für die wir gekämpft haben, zu leben" und "die Familie als neues feministisches Ziel" zu betrachten, was ihr scharfe Kritik seitens radikaler Feministinnen einbrachte.

Für viele ist Friedan bereits in Vergessenheit geraten. Das Boulevardblatt "New York Post" ätzte kürzlich: "Betty Friedan? Tut uns leid, aber junge Frauen von heute glauben wahrscheinlich, 'The Feminine Mystique' sei ein Parfum." (Susi Schneider, DER STANDARD, Print, 4./5.2.2006)

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    foto: standard/fischer
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