Knödel, Hall und morbide Romantik

10. Februar 2006, 16:59
7 Postings

Mit der britischen Band Editors gastierte eine weitere Formation des prosperierenden Neo-Post-Punk-Genres in Wien

Wien - An saftigen Knödeln und garantiert BSE-unverdächtigen Schnitten heimischer Kälber haben sich die Editors vor ihrem Auftritt gelabt, erfährt man von einem "IM", einem internen Mitarbeiter des Wiener Flex. Dem Klischee von desperaten jungen Männern mit Hang zu eher morbider Romantik, das ihre Musik transportiert, entspricht das eher nicht so.

Fröhliche Jungs

Zu den existenzialistisch anmutenden Schwarz-weiß Bildern des Covers, das ihr Debütalbum The Back Room umhüllt, würde eine Nikotin- und Bier-Diät, angereichert mit Hochprozentigem samt notwendigen Folgesubstanzen wie Schmerzhemmer und Vitamine aus der Pille besser passen. Doch die dort ausgemergelt wirkenden und mit tiefen Augenhöhlen in bedeutungsschwangeres Licht gerückten Briten gaben sich am Donnerstag bei ihrer Österreichpremiere als fröhliche Jungs, deren Freude wohl auch der Tatsache zuzuschreiben ist, dass sie erstens in den britischen Verkaufscharts gerade unter den ersten fünf zu finden sind. Das dürfte für ein paar sorgenfreie Jahre reichen.

Emphatische Darbietung

Zweitens verausgabt man sich als Tourband mit lediglich einem Album im Gepäck - Spielzeit keine 45 Minuten - nicht über die Maßen. So schwer kann die heimische Küche gar nicht sein. Dementsprechend war das Konzert nach einer knappen Stunde - Zugaben inklusive - auch schon wieder vorbei.

Dazwischen begeisterten die aus Birmingham kommenden Editors den ausverkauften Club mit einer emphatischen Darbietung ihres Albums: Meist in gleißendes Licht getaucht, erhob Sänger Tom Smith sein charismatische Stimme, stellte mittels verwinkelter Gestik innere Kämpfe dar und spielte dazu die den Sound der Band prägende flirrende Gitarre.

Vergleichslawine

Spätestens an dieser Stelle, also bereits im ersten Song, donnerte die unvermeidliche Vergleichslawine in den Saal. Immerhin zählen die Editors zur Riege modischen Neo-Post-Punks wie Interpol, The Rapture und etliche andere. Sie sind also Wiedergänger eines Stils, der in den späten 70ern und frühen 80ern in den USA und England wegweisende Musik schuf - wie das anhaltende Revival nachhaltig belegt.

Die Inspirationsquellen der Editors heißen Joy Division, Echo & The Bunnymen, The Psychedelic Furs und ein wenig U2 - wegen der Gitarre. Genug Material also, um geschichtsbewusst die Kopistenkeule kreisen zu lassen und sich über mangelnde eigene Ideen zu beschweren.

Leihstücke

Doch gerade Smith' drastischer Gestus, der ganz klar bei Ian Curtis, dem Sänger von Joy Divison, ausgeborgt war, besaß in seiner offensichtlichen Nichtauthentizität etwas Entwaffnendes. Kann man so jemandem böse sein? Nein, kann man nicht. Nicht, wenn er so in dieser Rolle aufgeht wie Smith. Nicht, wenn er in hallschwangeren Balladen ergeben am Keyboard sitzt oder in erhabenen Stücken wie Bul- lets oder Munich die Saiten seiner Gitarre malträtiert. Außerdem: Curtis ist tot - und wer zuletzt Ian McCulloch von Echo & The Bunnymen gesehen hat, geht auch lieber zu den Editors. (DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2006)

Von Karl Fluch
  • Tom Smith, Sänger der britischen Band Editors, im Wiener Flex beim Ian-Curtis-Lookalike-Singen. Der erste Platz war ihm sicher.
    foto: standard/fischer

    Tom Smith, Sänger der britischen Band Editors, im Wiener Flex beim Ian-Curtis-Lookalike-Singen. Der erste Platz war ihm sicher.

Share if you care.