Im gewaltigen medialen Ringen, das nun um die Frage tobt, wer der nettere Kerl sei - KHM-Direktor Seipel oder Saliera-Fladerer Mang ...
Im gewaltigen medialen Ringen, das nun um die Frage tobt, wer der nettere Kerl sei - KHM-Direktor Wilfried Seipel oder Saliera-Fladerer Robert Mang - hat letzterer die Nase vorn. Schwer zu sagen, ob das an der unterschiedlichen äußeren Erscheinung der beiden Herren liegt, oder daran, dass Mang von der dem Verbrechen sonst unerbittlich begegnenden
"Kronen Zeitung" ohne Umstände das Diplom
Meisterdieb verliehen bekam, während von Seipel noch niemand gesagt hat, er wäre ein Meisterbewahrer der ihm anvertrauten Objekte. Ganz zu schweigen von
"NEWS", das Mang zum
Sex-Symbol Mr. Saliera erhob, und Seipel von der Grünen Eva Glawischnig zur schwarzen Lachnummer erklären ließ.
Einzig der Chefredakteur der "Presse" absolvierte seine Pflichtübung für Seipel nach dem Motto: Wenn die Regierung in der Bredouille ist, immer brav die Opposition für dumm erklären! Man mag den barocken Lebens- und Führungsstil des Museumschefs für nicht zeitgemäß halten, man mag der Meinung sein, dass er eigentlich sofort nach dem Saliera-Raub hätte zurücktreten sollen (gut möglich, dass er das inzwischen auch selber so sieht), man mag für unklug halten, dass er sich so weit in parteipolitische Gefilde vorgewagt hat und sich hinterher darüber beklagt, dass er politisch verfolgt wird. Alles geschenkt, da ist Fleischhacker großzügig. Dass aber das KHM unter Seipel insgesamt eine höchst erfreuliche Entwicklung genommen hat, kann nur jemand bezweifeln, der einigermaßen ahnungslos ist. Leider lässt der "Presse"-Chef niemanden an seinen insgesamten Einsichten teilhaben.
Was Seipel in dieser Auseinandersetzung vor allem fehlt, ist erotische Ausstrahlung. Das sollte man bei der künftigen Besetzung von Museumsdirektoren berücksichtigen. Mandelbraune Augen, ein verschmitztes Lächeln - das Covermodel hat, eher unfreiwillig, willige Singledamen in helle Aufregung versetzt. "NEWS" überschlägt sich in erotischer Raserei, der Anwalt hat gute Arbeit geleistet. "Er ist der Typ Gentleman-Lover, gehört der A-Schicht an - und noch dazu hat er den Staat genarrt", darf ein Freund Mangs psalmodieren. Kookie ist einfach ein Lächler und Optimist. Dass dem Womanizer das Lachen demnächst vergehen könnte, soll in dieser Phase ausgeblendet bleiben.
Nur unbeschwerte Heiterkeit soll regieren. Die Zellengenossen von Österreichs derzeit wohl prominentestem Untersuchungshäftling platzen wohl tagtäglich vor Neid, wenn der Saliera-Dieb seine Post bekommt. Dutzende Briefe schmachtender Frauen sind allein in der vergangenen Woche in der Haftanstalt eingetrudelt. Eine Leserin der Wiener U-Bahn-Zeitung "Heute" entblößte sich sogar am Titelblatt für den "coolen und feschen Mann". Innerhalb kürzester Zeit avancierte Robert Mang zum neuen Sexsymbol des Landes. Das wird Wilfried Seipel wohl nicht mehr schaffen.
In der "Krone" führte Conny Bischofberger persönlich ein Interview, von dem es am Ende des Textes heißt: Dieses Interview wurde nicht persönlich geführt. Die Fragen (und Nachfragen) der "Krone" stellte Rechtsanwalt Dr. Gerald Albrecht seinem Mandanten in U-Haft. Der Titel des Interviews umging die Schuldfrage delikat: Held oder Verbrecher? Wobei Mang sein Verbrechen als Schnapsidee ebenso verharmloste wie den Helden in sich: Das war eine bequeme Hendlstiege mit Geländer! Da hätten Sie auch raufspazieren können.
Er weiß sich Seipel nicht nur erotisch, sondern auch moralisch überlegen. Ich hab wirklich gut auf die "Saliera" aufgepasst, mir war die Rückgabe jedenfalls wichtiger als dem Herrn Seipel. Was Elisabeth Gehrer die kleine Überlegung wert sein sollte, ob man Seipel nicht doch loswerden und Mang an seine Stelle setzen könnte - unter dem Beifall von Heeren schmachtender Frauen, die ja auch Wählerinnen sind. Man wird sie brauchen.
Wenn es ans Schmachten geht, ist keine so qualifiziert wie Margit Swoboda, und sie hält für Seipel die wohl bitterste Pille bereit. Selbst wenn einem die Saliera gestohlen bleiben könnte und wenn einem der kuriose Krimi um das alte Salzfass sehr egal ist: Herr Direktor Wilfried Seipel vom Kunsthistorischen Museum ist mir ab sofort überhaupt nicht mehr wurscht. Grund der Unwurschtigkeit: Wie Herr Seipel mit den Menschen umspringen lässt, die "seine" Schätze hüten sollen.
Und was Frau Swoboda gesehen hat, sollte auch Gehrer endlich die Augen öffnen. Herrn Seipel habe ich ein einziges Mal in meinem Leben leibhaftig gesehen. En passant, auf der Mariahilfer Straße, wie er sich listig umschaute, ob ihn jemand beobachtet und erkennt. Dann hat er, vermeintlich inkognito, seinen Tschick weggeworfen, einer Frau mit Kinderwagen knapp vor die Füße. Ein unangenehmer Zeitgenosse, dachte ich. Falsch?
Das soll die verantwortliche Ministerin entscheiden. Wir können nur sagen: Wer sich auf der Mariahilfer Straße listig umschaut und dann, vermeintlich inkognito einer Frau mit Kinderwagen seinen Tschick vor die Füße wirft, bleibt vielleicht Museumsdirektor, aber er wird niemals zur Kultfigur. Und schon gar nicht zum Womanizer. (DER STANDARD; Printausgabe, 3./4.2.2006)
Von Günter Traxler