"Last Days": Innehalten auf dem Weg zum Untergang

6. Februar 2006, 16:06
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"Last Days" von Gus Van Sant geht über eine Variation des Lebens und Sterbens eines Rockstars - in diesem Fall des "Nirvana"- Sängers Kurt Cobain - weit hinaus

Wien - Gesetzt den Fall, jemand, der noch nie von Aufstieg und Fall des US-Grunge-Rock-Stars Kurt Cobain gehört hätte, sähe diesen Film: Er würde ihn vielleicht als die Geschichte einer Gruppe von jungen Leuten, offenbar Musikern, beschreiben, die sich in ein Haus in irgendwelchen Wäldern zurückgezogen haben, dort von einem ziemlich bösen Drogentrip nicht herunterkommen und gleichzeitig übersehen, dass einer von ihnen, quasi der Anführer, geradezu inständig damit beschäftigt ist, sich selbst zu eliminieren - was, sagen wir, in Experimenten mit Frauenbekleidung weniger prekär ist als beim Spiel mit Schusswaffen.

Allgemeine Entkräftung

Last Days, so könnte jemand sagen, der sich ein wenig mit Kinoprojektion auskennt, ist ein Film, bei dem man zumindest im Mittelteil die Abfolge der Filmrollen leicht ändern könnte, ohne Spannungsbögen zu ruinieren. Wie bei drogeninduziertem Gestammel hebt oft ein verwirrtes Suchen und Nichtfinden an, um kraftlos zu verebben.

Bereits Gesagtes, Getanes, Gesehenes wird wiederholt, als wäre es so vorher gar nicht gewesen. Es war ganz anders (und vielleicht war auch im Fall Cobain alles anders), aber das ändert an der allgemeinen Entkräftung nur wenig. Sicher ist nur: Am Anfang irrt ein junger Mann mit blondiertem Haar querfeldein, bis er den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Am Ende wird sein Leichnam weggeschafft.

Aus dem Bild treten

Der einzige bittersüße Moment, den sich Regisseur und Autor Gus Van Sant in Last Days genehmigt, ist jener, in dem gewissermaßen die Seele des Toten den Körper verlässt, um aus jenem letzten Bild zu treten, das von ihm (und auch von Cobain) überliefert ist: Die Außenansicht einer Holzhütte, und darin, nur fragmentarisch erkennbar, ein etwas grotesk weggestrecktes Bein.

Amerikanische Gesellschaft

Was würde jemand, der mit posthumem Starkult, und den hier getätigten Versuchen, diesen Kult zu unterlaufen, wenig anfangen kann, hier noch "lesen"? Vielleicht dächte er, verquer, aber durchaus produktiv, an einen berühmten Fluchtversuch der amerikanischen Literatur: an Henry Thoreaus Walden, geschrieben zwischen 1845 und 1847 von einem damals knapp 30-jährigen jungen Mann, der in einer einsamen Holzhütte in Massachusetts erproben wollte, was es für ihn und für die damalige amerikanische Gesellschaft heißen könnte, "dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten."

Hoffnungsmomente

Last Days wirkt in teilweise hochkomischen Szenen perpetuierten Stolperns, Taumelns, Irre- und Danebenseins wie eine bitterböse Replik auf Walden - oder richtiger: auf unsere Zeit, in der man gar nicht tief genug in die Wälder und Einsamkeiten ziehen kann, um nicht doch wieder von den Beschädigungen eingeholt zu werden.

Aber da ist von jeher eine Art von Glaube und Vertrauen in den Filmen Gus Van Sants (Last Days ist neben My Own Private Idaho und Gerry sein bis dato bester), sodass man mitunter doch einmal kurz zur Ruhe kommt: vor einem Traumbild vielleicht, oder einer Lichtstimmung oder auch einem Vertreter für Branchentelefonbücher, der einen völlig sinnlos mit Werbesprüchen zulabert. Die Zeit, die wir bräuchten, uns zu retten, hat sich gegen uns verschworen, aber hier und da blitzt so etwas wie ein "wahrer" Moment auf, der, wenn schon nicht den Untergang, so doch ein Innehalten auf dem Weg dorthin lohnend macht.

Bebilderung

Henry Thoreau in Walden: "Warum müssen wir uns wahnsinnig beeilen, Erfolge zu erringen, und wozu stürzen wir uns in solch verzweifelte Unternehmungen? Wenn jemand mit seinen Gefährten nicht Schritt hält, so tut er es vielleicht deshalb nicht, weil er einen andern Trommler hört." Wie als Bebilderung und als ein Weiterdenken dieses Satzes hört man im Film einmal, wieder als Außenstehender, wie sich im Inneren des Hauses ein wildes Schlagzeugsolo verselbstständigt - ein Ausbruch von Kraft, die bald vergeudet sein wird, und zu der wir auch und gerade in diesem Film nicht durchdringen werden, der sich die üblichen Schwanengesänge von Bio-Pics verbietet.

Gehen Sie zuerst in den unsäglichen Johnny-Cash-Schunkel-Schinken Walk the Line (übrigens auch inklusive Hütte im Wald, aber wie!) und dann in Last Days - der Vergleich macht Sie sicher. (DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2006)

Von Claus Philipp
  • "Wenn jemand mit seinen Gefährten nicht Schritt hält, so tut er es vielleicht deshalb nicht, weil er einen andern Trommler hört." - Henry Thoreau, "Walden". Michael Pitt, längst aus dem Tritt gekommen, in "Last Days".
    foto: polyfilm

    "Wenn jemand mit seinen Gefährten nicht Schritt hält, so tut er es vielleicht deshalb nicht, weil er einen andern Trommler hört." - Henry Thoreau, "Walden". Michael Pitt, längst aus dem Tritt gekommen, in "Last Days".

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