"Ich will Wien die Urbanität zurückgeben"

29. März 2007, 16:45
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Die Bezirkschefin von Wien-Innere Stadt, Ursula Stenzel, im STANDARD-Interview - Warum sie keine Mutter Teresa der Hofratswitwen ist und als Kind "den Abglanz der Ringstraßenkultur daheim hatte"

Standard: Sie haben am Dienstag Ihr EU-Mandat zurückgelegt, sind jetzt nur noch Bezirksvorsteherin des ersten Bezirks. Als solche haben Sie schon jede Menge Staub aufgewirbelt mit Ihren Ideen wie Citymaut, teilweises Nachtfahrverbot und anderen innerstädtischen Beruhigungsmitteln. Wie sieht das Wien der Ursula Stenzel aus?

Stenzel: Die Innere Stadt ist ein besonderes Biotop, ist das Aushängeschild Österreichs und Wiens, ein Zentrum für Kultur, Politik, Wirtschaft, Tourismus, ist Wohn- und Lebensraum. Ich habe nur Leitlinien geformt, und die sind nicht aus der Hüfte geschossen, sondern basieren auf vielen Bürgergesprächen.

Standard: Sie wollen Musikanten und Gaukler aus der Innenstadt verbannen, Grünen-Chef Van der Bellen fürchtet, sie wollten eine "Geisterstadt, in der nur noch Stenzel wohnt".

Stenzel: Aber das stimmt doch nicht, ich will keine Friedhofsruhe, ich will keinen Glassturz über die Innere Stadt stülpen, ich will nur klarstellen, dass Wien eins ein Markt, aber kein Jahrmarkt ist und Lebens- und Wohnqualität sicherstellen. Der Lebensqualität wurde in den vergangenen Jahren nicht genug Stellenwert beigemessen, sie gehört mit verkehrspolitischen Konzepten verquickt. Es geht nicht an, dass Kolonnen von Reisebussen durch die Nadelöhre gelotst werden, die fahren mitten ins Herz der Stadt!

Standard: Die Leute klagen über die Parkplatznot, Sie aber treten gegen eine Garage unter dem Neuen Markt ein. Warum?

Stenzel: Die Garage ist eben umstritten. Ich trete nur dafür ein, dass die Bürger, wie versprochen, eine Bürgerbefragung bekommen. Mir fehlt in der Stadtpolitik die Bereitschaft, die Dinge offen auf den Tisch zu legen. Das alles gehört diskutiert, und sehen Sie, das ist es: Ich bin der Tradition der EU-Politik entsprechend diskussionsfreudig und wage, Probleme an- und auszusprechen. Daran werden sich die Wiener gewöhnen müssen.

Standard: Auch an Ihre Citymaut?

Stenzel: Das ist nicht meine Citymaut, sondern die Citymaut ist ein Konzept unter mehreren. Ich habe mir die Freiheit genommen, über den Tellerrand hinweg ins Ausland zu blicken, habe angeschaut, wie Rom, Florenz, Mailand, deutsche Großstädte das Problem lösen. In Rom etwa gibt es ein Verkehrsleitsystem, das Besichtigungen der Sehenswürdigkeiten zu Fuß vorschreibt. Ich will transparente Lösungen, bei denen nicht nur an einer Schraube gedreht wird.

Standard:Sie bezeichnen sich als "Österreicherin aus tiefstem Herzen, Europäerin aus vollster Überzeugung". Was passt zur Wienerin Stenzel?

Stenzel: Ich bin ein Kind dieser Stadt, in der Leopoldstadt aufgewachsen, in der Innenstadt bei den Ursulinen zur Schule gegangen. Vor fünf Jahren zog ich von Hietzing in die Spiegelgasse. Weil ich bin doch sehr städtisch geprägt, liebe es, zu Fuß zu gehen, ins Amt, in die Cafés, ins Theater.

Standard:In welcher anderen Stadt würden Sie gerne leben?

Stenzel: Oh, das ist schwer zu sagen, Wien ist so unverwechselbar. Ich liebe Paris, London, Madrid, Rom; würde ich dort leben, dann in einer alten Dachwohnung nahe der Spanischen Treppe. Ich mag aber auch Hamburg sehr, es hat solch hanseatische Urbanität.

Standard: Sie sagen das so verklärt, fehlt Ihnen Urbanität?

Stenzel: Ja, ich will Wiens City ihre Urbanität zurückgeben.

Standard: Urbanität ist ein dehnbarer Begriff.

Stenzel: Wien hat so viel Charakter: Das Historische durch die Bausubstanz, die Flaniermeile, die Vielfalt ist das Besondere an dieser Stadt.

Standard: Warum möchten Sie den Wienern Ihre Vorstellung von Urbanität vorschreiben?

Stenzel: Das tue ich überhaupt nicht, ich gehe im Einklang mit den Menschen vor, die hier leben. Und ich bestehe darauf: Ich muss in Wien doch nicht an jeder Straßenecke einen Straßensänger haben.

Standard: Mutter Teresa der Innenstadt-Hofratswitwen?

Stenzel: Der Vorwurf ist ja ganz verrückt. An manchen Orten ist es einfach zu viel, am Stephansplatz oder am Graben. Wenn dort einer vor Ihrem Geschäft zwei Stunden ein und dieselbe Arie singt, da werden Sie doch verrückt. Hat das mit Urbanität zu tun?

Standard: Nein?

Stenzel: Nein. Mit Urbanität hat zu tun, dass es hier wunderbare Gassen, Straßen, Boulevards, Plätze gibt, die Ästhetik haben und schön sind. Man kommt in die Innenstadt, um sich wohl zu fühlen und zu vergnügen. Wien ist das geliebte Herz von ganz Österreich. Schauen Sie, ich bin unlängst mit einem jungen Mann gefahren, der kam von Gänserndorf und liebt die Innere Stadt, natürlich. Warum muss er zwangsbeglückt werden, durch Bänkelsänger da, Schausteller dort, durch aggressives Betteln? Das ist Wildwuchs, der nicht der Urbanität dient.

Standard: In Amsterdam oder Paris können die Leute mit diesem "Wildwuchs" gut leben.

Stenzel: Städte sind verschieden. Wien hat einen anderen Charakter.

Standard: Einen bürgerlicheren?

Stenzel: Bürgerlich, elitär, das sind doch künstliche Unterschiede. Die innere Stadt ist kein Spielfeld von Ideologien, von Eliten gegen Nichteliten oder Hofratswitwen gegen Nichthofratswitwen. Die Innenstadt ist ein Anziehungspunkt, um den uns die Welt beneidet. Die Leute kommen nicht her, um an jedem Eck Wurstelprater-Darbietungen zu sehen. Der Wurstelprater ist der Wurstelprater, die Innere Stadt die Innere Stadt.

Standard: Warum kommen die Leute?

Stenzel: Um die Vielfalt zu sehen, den Freiraum dieser Stadt zu nützen, die Museen zu genießen, ins Theater zu gehen, in Burg und Oper.

Standard: Welches ist denn Ihr Lieblingsplatz in der Stadt?

Stenzel: Jeweils der, den ich frequentiere. Ich gehe wahnsinnig gern in der Früh von meiner Wohnung in der Spiegelgasse ins Alte Rathaus, das ist wunderbar, da geh ich über den Graben, den Hohen Markt - da muss übrigens auch etwas geschehen, dass der schöner wird, der ist auch verramscht.

Standard: Zurück zum Theater: Die Burg gehört auch zur Ihrem Bezirk, Sie sind mit einem Burgschauspieler verheiratet, gehen gern ins Theater ...

Stenzel: ... mit einem Burgschauspieler verheiratet zu sein, bedeutet aber nicht, dass man gern ins Theater geht. Ich gehe selektiv gern, mag einen guten Schnitzler genauso wie einen Shakespeare oder einen Turrini. Aber ich will schauspielerische Qualität, und ich erkenne die Stücke gern wieder, will, bei aller Wertschätzung für den Regisseur, die Partitur noch aufspüren.

Standard: Was ich fragen wollte: Ist es Ihnen als Bezirkschefin auch ein Anliegen, dass die Leute mehr ins Theater, in die Museen, in die Oper gehen?

Stenzel: Übertreiben Sie nicht, jeder soll tun, was er möchte.

Standard: Auch auf dem Heldenplatz? Dort herrscht im Sommer ja buntes Treiben.

Stenzel: Ja, ein buntes Bild. Aber bitte, wenn’s der Rasen aushält ...

Standard: Sie wollen ästhetische Events forcieren. Was würde uns erwarten?

Stenzel: Peter Marboe hat angeregt, im Mozartjahr könnten junge talentierte Musikstudenten auf Straßen und Plätzen ein bisschen Mozart spielen. Das Wiener Volksbildungswerk möchte mit Profis Pawlatschentheater machen am Graben, etwa Singspiele von Mozart. So etwas könnte man als Maßstab nehmen.

Standard: Das Stadtfest würden Sie gern abschaffen?

Stenzel: Es kann auch in einem anderen Bezirk abgehalten werden. Es heißt ja nicht Innenstadtfest.

Standard: Und den Silvesterpfad verlegen Sie auch?

Stenzel: Nein, er ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Touristen und Wiener Bürger freuen sich darauf.

Standard: Stichwort freuen: Sie haben für Frauen "finanzielle Unterstützung bei Haushaltshilfe" gefordert. Worauf darf ich mich freuen?

Stenzel: Ich sehe, wie sich Frauen plagen, die Doppelverantwortung für Beruf und Familie tragen; Belastung ist Familie ja nicht. Sie sollen Hilfe für individuelle Kinderbetreuung bekommen, es darf nicht alles Geld in Horte und sonstige kollektive Aufbewahrungsstellen für Kinder fließen. Es braucht beides.

Standard: Würden Sie das gern im Ersten Bezirk umsetzen?

Stenzel: Seien Sie nicht despektierlich. Ich will Raum und Zeit für Kinder.

Standard: Wie lebt eigentlich die bürgerliche Bezirkschefin der Innenstadt? Sie haben ein Haus am Irrsee, gehen ins Theater, lesen gerade zum wiederholten Male Arthur Koestlers Autobiografie ...

Stenzel: ... abwechselnd mit "Wiener Frauen zwischen Kaffeehaus und Salon": hochinteressante Biografien etwa der Frau von Elias Canetti. Aber noch einmal, ich lasse mich nicht kategorisieren. Heute empfindet sich auch der klassische Arbeiter als Bürger. Ich komme aus einem Umfeld, in dem Werte wie Humanismus, Toleranz, Offenheit gelten, in dem Sinne also aus einer bürgerlichen Welt. Und aus einer wunderbaren Wiener Familie im klassischen Sinn.

Standard: Wie sieht die aus?

Stenzel: Mein Vater kam aus einer Nordbahn-Ingenieursfamilie, war Maschinenbau-Ingenieur, mütterlicherseits komme ich aus einer jüdischen Familie. Mein Urgroßvater war Rabbiner, mein Großvater Kantor in der Sy^nagoge in der Rotensterngasse, dort war auch die Dienstwohnung, dort bin ich aufgewachsen. Ich bin also katholisch-jüdischer Herkunft und habe das Beste aus beidem mitgenommen. Einer meiner Onkel hat noch mit Werfel und Zweig korrespondiert, meine Mutter ist mit Paula Wessely in die Schauspielschule gegangen, mein Vater war auch ein begnadeter Maler. Ich hatte den Abglanz der Ringstraßenkultur daheim.

Standard: Sie sind 1945 in Wien geboren. Wie haben Ihre Eltern die NS-Zeit überstanden?

Stenzel: Sie sind in Wien geblieben, man hat ihnen geholfen, vor allem die Pfarre St. Nepomuk in der Leopoldstadt.

Standard: Wie sehen Sie das Verhalten Ihrer Parteifreundin, der Kunstministerin Gehrer, rund um die Klimt-Bilder?

Stenzel: Jeder wusste um die Rechtslage, mir wäre lieber gewesen, es wäre schneller gegangen. Die Debatte sehe ich mit großem Schmerz, sie bringt den latenten Antisemitismus wieder an die Oberfläche. Aber Gehrer hat sich korrekt verhalten, sie hat das Schiedsgericht ermöglicht.

Standard: Sie waren zehn Jahre lang in Brüssel, geht Ihnen die große EU-Politik nicht ab?

Stenzel: Europäische Politik ist überall. Auch in der Wiener Innenstadt.
(DER STANDARD-Printausgabe 04./05.02.2006)

Mit Ursula Stenzel sprach Renate Graber.
  • Bezwirksvorsteherin Ursula Stenzel will in der City lieber Mozart Interpreten als "Bänkelsänger" sehen.
    foto: christian fischer

    Bezwirksvorsteherin Ursula Stenzel will in der City lieber Mozart Interpreten als "Bänkelsänger" sehen.

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