Wohnen Sie höher!

9. August 2006, 11:21
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Zweigeschoßige Dach­ausbauten sind seit einer Baurechtsnovelle in Wiens Innenstadt nicht mehr erlaubt, einer der letzten entsteht derzeit am Karlsplatz

Zweigeschoßige Dachausbauten sind seit einer Baurechtsnovelle in Wiens Innenstadt nicht mehr erlaubt, einer der letzten entsteht derzeit am Karlsplatz: Rüdiger Lainer entwarf zwölf Penthouse-Wohnungen mit spektakulärem Ausblick und luxuriösem Innenleben

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Bei der Wohnungsbesichtigung heißt es derzeit warm anziehen und lieber nicht nach unten schauen: Im Korb des Baukrans werden Interessenten auf Augenhöhe mit der Baustelle gehoben, können ihre potenzielle künftige Unterkunft aus der Vogelperspektive in Augenschein nehmen und sich vorstellen, wie der Blick später dann von der Terrasse aus über den urban-lebendigen Karlsplatz auf der einen und den soignierten Schillerplatz auf der anderen Seite schweifen wird. Was wie ein extravaganter Gag klingt, ist eine kreative Notlösung – die Baustelle ist in der aktuellen Bauphase nicht allgemein zugänglich.

Auf dem Dach des vierstöckigen Jahrhundertwendehauses in der Wiener Nibelungengasse, das an Roland Rainers Akademiehof angrenzt, setzt der auf Toplagen spezialisierte Bauträger A&A Liegenschaftsentwicklung den letzten wirklich groß angelegten Dachausbau um, der in Wien noch möglich ist. Zweigeschoßige Ausbauten sind seit einer Bauordnungsnovelle in der Schutzzone erster Bezirk und wegen statischer Auflagen de facto in ganz Wien nicht mehr erlaubt. Die Genehmigung für das Projekt Nibelungengasse wurde jedoch bereits 2003 erteilt.

Das architektonische Konzept erhielt auf Anhieb den Behördensegen, erzählt der Wiener Architekt Rüdiger Lainer, der als Mitglied des Fachbeirats fürs Stadtplanung freilich die Grenzen des Machbaren genau kennt – und sie bis zum Anschlag ausreizte.

Beflügelte Terrassen

Sein Entwurf verleiht dem historischen Gebäude silberne Flügel: Gesimsartige Elemente aus Hightech-Aluminiumblech (Alucobond) scheinen über den Terrassen zu tanzen, die – eine Rarität bei Dachausbauten – straßenseitig ausgerichtet sind. Jede der zwölf Wohnungen, die auf rund 2400 Quadratmetern Grundfläche errichtet werden, hat eine kleinere Terrasse zum relativ engen Hof, die durch geschicktes Versetzspiel mit Einschnitten ins Dach uneinsichtig ist. Die Terrassen nach vorne aber sorgen für einen garantierten Wow-Effekt.

Die spektakuläre Aussicht ist wesentlicher Bestandteil des Luxuskonzepts, das der Bauträger vorlegt. Aber was heißt das konkret, Luxus? Bei einem Quadratmeterpreis von 7700 bis 8700 Euro versteht sich von selbst, dass jeder gerade noch realistische Sonderwunsch an die Ausstattung erfüllt wird. Doch derlei bietet – in deutlich bescheidenerem Rahmen – heutzutage fast jede Wohnbaugenossenschaft an.

Für A&A-Geschäftsführer Stephan Ausch ist der gerade in der Immobilienbranche inflationär verwendete Begriff Luxus komplexer als eine Materialschlacht: "Wir verkaufen keine Wohnungen, sondern eine außergewöhnliche Lage, einen großzügigen Grundriss und eine Ausstattung, die das Beste vom Besten versammelt." Die Besonderheiten des Grundrisses: Es gibt weder Schrägen noch Maisonetten – "niemand steigt gern über Stiegen", so Ausch. Intelligent integrierte Lichthöfe holen Tageslicht in jeden Winkel, auch Bäder, WCs und andere Nebenräume erhalten dadurch Naturlicht und -luft.

Aus der Villa in die City

Die Interessenten für die im Frühjahr 2007 bezugsfertigen Penthäuser teilt Ausch in drei Hauptgruppen: Situierte Herrschaften, die aus Altersgründen die Villa in Döbling oder Hietzing gegen eine komfortable Stadtwohnung tauschen wollen. 35- bis 45-jährige Unternehmer respektive Erben, die die quirlige Naschmarkt- und City-Nähe schätzen. Und drittens eine kulturaffine Klientel aus den Bundesländern oder dem Ausland, die hier einen repräsentativen Zweit- oder Drittwohnsitz anlegen will.

Zwei der zwölf Penthäuser sind bereits verkauft. Die kleinste, (65 m²/ zwei Zimmer), dient einer Exilwienerin in Paris, die mit ihrem Antiquitätenhändler-Gatten eine 800 Quadratmeterflucht im noblen 16. Arrondissement bewohnt, als "pied-à-terre" für ihre Wienbesuche.

Der Besitzer der anderen schon vergebenen Wohnung, die mit 130 m² Wohnfläche, Wintergarten und Dachterrasse nach A&A-Kriterien als "mittleres Format" gilt, hat es beim Umzug nicht weit: Er übersiedelt aus der Kärntnerstraße, vertrieben von der Unkommodität, mit dem Auto nur bis zehn Uhr morgens bis zur Haustür fahren zu können. (Susanne Rössler, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5.2.2006)

  • Der weite Blick: In der Nibelungengasse am Wiener Karlsplatz entwarf Architekt Rüdiger Lainer (Bild unten) auf zwei Dachgeschoßen zwölf Luxuswohnungen.
    fotos: lainer

    Der weite Blick: In der Nibelungengasse am Wiener Karlsplatz entwarf Architekt Rüdiger Lainer (Bild unten) auf zwei Dachgeschoßen zwölf Luxuswohnungen.

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