Herr Faustini und das Glück

3. Februar 2006, 18:00
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Wolfgang Hermann erzählt von einem, der aufbricht, um gegen das Leben im Konjunktiv anzukommen

Es ist so eine Sache mit ihr: Die einen haben so wenig, dass sie ständig außer Atem sind; die anderen so viel, dass sie sie totschlagen, um überhaupt am Leben zu bleiben.

Die Rede ist von der Zeit, und von dieser hat Herr Faustini, der Protagonist in Wolfgang Herrmanns neuem Roman, jede Menge. Außerdem hat er ein Haus mit Garten, zwei "delikate Blumenstöcke", einen "zärtlichkeitsbedürftigen Kater" und eine Netzkarte des regionalen Verkehrsverbundes. Wenn er nicht gerade mit Bus oder Bahn zwischen Bregenz und Lustenau, zwischen Dornbirn und Hörbranz unterwegs ist, dann sitzt er in seinem Ohrensessel oder flaniert die Bodenseepromenade entlang und sinniert über den See, der "kein Meer" ist, über die traurigen Sonntagsgesichter der anderen und darüber, was er mit den eigenen Sonntagen anfangen soll: "Wieder stand ein Sonntag unverrückbar in der Gegend herum. Was tun, um die klobige teigige Masse, die alle Bewegung zum Stillstand brachte, aus der Welt zu bekommen?"

So wenig wir über Herrn Faustinis Vergangenheit erfahren, mit dem Aufschlagen der ersten Buchseite mitten in seine all-tägliche Gegenwart geraten, so sehr scheint er uns doch von Anfang an irgendwie bekannt, ja vertraut zu sein. Das mag daher rühren, dass wir Menschen vom Schlag eines Faustini schon einmal getroffen haben; das mag aber auch damit zu tun haben, dass es der "Faustini in uns" ist, der uns da mit jener Unbeholfenheit begegnet, die uns unruhig macht. Nach seinen präzisen wie grandiosen Erkundungen urbaner Räume – Das japanische Fährtenbuch (2003) und Das Gesicht in der Tiefe der Straße (2004) – ist der gebürtige Vorarlberger Autor mit seinem jüngsten Opus topografisch wie literarisch wieder ganz in der alten Heimat angekommen. Ohne Zweifel: Herr Faustini ist ein zutiefst einsamer Mensch. Er hat sich sein fragiles Dasein so eingerichtet, dass er durch Rituale im Lot gehalten wird. Und das wäre bestimmt auch noch eine ganze, lebenslange Weile so geblieben, wenn da nicht die Putzfrau Maria wäre, die lieb gewonnene Ziergegenstände wie Vasen, Engel und Bilder durch unorthodoxe Abstaubtechniken zu Fall bringt – und dadurch Herrn Faustinis Weltbild gleich mit. Mit einem Mal ortet der sympathisch verschrobene Junggeselle im Verlustiggehen von Vertrautem die Chance auf Raum für neue Erfahrungen.

Aber wohin mit der Sehnsucht, wenn sie keinen Ort zu benennen weiß? Wohin mit dem Liebeshunger, wenn ihm ein adäquates Gegenüber fehlt? Auf seiner Suche nach Leichtigkeit wird er nicht so recht fündig – auch und erst recht nicht im Kunsthaus Bregenz, in dem er über schwarz gewandete Vernissagenbesucher ins Grübeln und über die präsentierte Kunst in Ratlosigkeit gerät. Und dann ist da noch der Anruf seiner Schwester; sie ist seit vielen Jahren im Tessin verheiratet und feiert einen runden Geburtstag. Zeit für Herrn Faustini also, zum ersten Mal seit Langem, vielleicht zum ersten Mal überhaupt, die vorarlbergerischen Landesgrenzen hinter sich zu lassen und eine Reise anzutreten. Er macht sich alsbald auf den Weg nach Ascona, wo die geliebte Schwester mit dem ungeliebten Schwager, einem Schönheitschirurgen, ein saturiertes Ehedasein führt. Faustini genießt die Reise und wider Erwarten verzaubern ihn die Farben des Südens, meint er, plötzlich eine andere Luft zu atmen.

Die Tage bei der Schwester bescheren ihm ein erotisches Abenteuer mit deren bester Freundin, der Malerin Luna und einen neuen Tweedanzug, den Herr Faustini gegen sein altes Jackett eintauscht. Er verlebt ein paar wohlige Tage und fühlt sich dabei doch auch stets ein wenig unwohl. Vor allem dann, als Lunas Begierden auf Faustini dessen Erwiderungsmöglichkeiten übersteigen. Zu Lunas und seiner Schwester großem Bedauern – und irgendwie auch zu seinem eigenen – entschließt er sich zur Rückreise.

Wolfgang Hermanns Buch erzählt von einem, der auszieht, das Fürchten zu (ver)lernen und dabei gehörig ins Schwitzen kommt. Faustini ist der Prototyp eines liebenswerten Antihelden, der, von Zwängen bestimmt, unfreiwillig komisch wirkt. Herr Faustini verreist erzählt von einem, der nicht ganz aus seiner Haut kann und am Ende doch nicht mehr ganz der Alte ist. Faustini ist ein Landneurotiker, der schmerzvoll zu ahnen beginnt, was alle Neurotiker im Grunde wissen und doch nicht wahrhaben wollen und können: dass sie unter ihren Möglichkeiten leben.

Es bleibt offen, wie tief greifend sich Herrn Faustinis Leben durch die Reise verändert, ob er seinen Ohrensessel endgültig entmöbeln oder zeitweilig doch wieder erschöpft in diesen hi^neinfallen wird. Wir bleiben im Unklaren darüber, ob Faustini eine Chance genützt oder am Ende gar vertan hat. Das ist ein wenig schade, weil wir gern in Erfahrung gebracht hätten, wie es mit Herrn Faustini weitergeht. So unvermutet der Lesende Faustinis geordnetes Haus betritt, so unvermutet verlässt er es auch wieder – wohl wissend, dass eine ganze Menge durcheinander gekommen ist. Was am Ende bleibt, ist der Wunsch, dass es das Leben mit Herrn Faustini gut meinen wird. Viel Glück!
(DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 4./5.2.2006)

Von Josef Bichler
  • Wolfgang HermannHerr Faustini verreist €
15,40; 144 Seiten Deuticke,
Wien 2006.
    buchcover deuticke

    Wolfgang Hermann
    Herr Faustini verreist
    € 15,40; 144 Seiten
    Deuticke, Wien 2006.

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