Ernst Lubitsch: "Ninotschka"

3. Februar 2006, 17:30
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Bei Ninotschka beginnt die Überraschung schon mit der Besetzung: die schönste Frau der Welt als dogmatische Volkskommissarin

"Garbo lacht" war der Slogan für diesen Film. Auch darin drückt sich der Lubitsch-Touch aus, der in seinen eigenen Worten hieß: Wie können wir's anders machen, besser, schneller, überraschender? Bei Ninotschka beginnt die Überraschung schon mit der Besetzung: die schönste Frau der Welt als dogmatische Volkskommissarin. Sie kommt nach Paris, um die Kronjuwelen der Zaren zu verkaufen. Edelsteine für Brot, das Volk in der Sowjetunion hungert.

Drei undogmatische Genossen sind vorausgereist, um Quartier zu machen. Wider^strebend lässt Ninotschka/ Garbo sich überzeugen, dass nur das Hotel Crillon, die erste Adresse, für die Vertreter der Weltrevolution infrage kommt. Wie erliegt die linientreue Kommissarin dem Charme des Kapitalismus? Die Autoren Reisch und Wilder schicken sie auf die Boulevards, in Cafés und Boutiquen. Zu umständlich zu drehen, entschied Lubitsch. Wie immer, wenn er eine Idee suchte, verschwand er auf der Toilette. "In 20 Sekunden ist alles erzählt", sagte er, als er strahlend wieder auftauchte. "Die Szene, wo sie zum ersten Mal, noch im Staubmantel, die Halle des Crillon betritt, degoutiert von so viel überflüssigem Luxus." Sie betrachtet in einer Vitrine ein merkwürdiges spiralenförmiges Gebilde. "Ein Hut", klären die Genossen sie auf. Sie schüttelt den Kopf. Der Kapitalismus muss am Ende sein.

Und nun der Lubitsch- Touch: Drei Tage später verschwinden Ninotschkas Genossen, um das Nachtleben zu erkunden, die Kommissarin aber schließt sich in ihrer Suite ein, verriegelt alle Türen, schließt die Vorhänge. Dann öffnet sie eine Schublade. Darin liegt der Hut aus der Vitrine. Sie setzt ihn auf, betrachtet sich im Spiegel und lächelt. Alles ist erzählt. Ohne einen Drehtag in Paris.

Das ansteckende, befreiende Lachen kommt am nächsten Tag in einem Bistro. Mit ihrem neuen Hut verführt sie bald einen ruinierten französischen Aristokraten (Melvyn Douglas) und entdeckt, dass man Champagner tatsächlich trinken kann. Mit dem Kater kommt das schlechte Gewissen, ihre russische Seele verlangt nach Strafe. Ihr Liebhaber stellt sie an die Wand, verbindet ihr die Augen und ein Schuss streckt sie nieder – der Korken der Champagnerflasche. Doch eine Verräterin ist sie nicht. Sie kehrt zurück nach Moskau, in eine Wohnung, die sich sieben Familien teilen. Ohne den Ton der Romantic Comedy aufzugeben, zeichnet Lubitsch in ein paar Szenen das Leben im Arbeiterparadies, die umso schärfer ausfallen, als er selbst ein paar Monate vorher in Moskau war – inkognito.

Wie später bei To be or not to be schafft er es noch bei den ernstesten Dingen, uns durch Lachen die so genannte Würde zu retten. (DER STANDARD, Printausgabe vom 4./5.2.2006)

Von
Volker Schlöndorff
  • Artikelbild
    foto: süddeutsche cinemathek
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