Vita Andersen: "Petruschkas Lackschuhe"

3. Februar 2006, 17:30
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Die Geschichte ist lebensnah, politisch herrlich unkorrekt, ohne pädagogisch erhobenen Zeigefinger und mit absurder Komik gespickt

Petruschka bekommt zum fünften Geburtstag ein Paar wunderschöne glänzende schwarze Lackschuhe geschenkt, und schon geht das Theater los: Ihre kleine Schwester Marie ist neidisch, weil sie auch Lackschuhe will. Die Eltern vertrösten sie, wenn sie fünf sei, bekäme sie welche, aber das tröstet Marie nicht.

Ein fürchterlicher Streit zwischen den Schwestern beginnt. Dabei passen Petruschka die Schuhe noch gar nicht, fast ein halbes Jahr muss sie warten. Endlich kann Petruschka ihre Lackschuhe tragen, aber schon flammt der Streit mit der Schwester von Neuem auf. Ein Schuh fliegt durchs Fenster, die Scheibe zersplittert, Marie beißt Petruschka, bis Blut fließt, versteckt die verhassten Lackschuhe im Kühlschrank, versucht schließlich, sie im Klo runterzuspülen. Der Vater verliert angesichts des heimischen Chaos die Nerven, schreit etwas von einem Irrenhaus und steckt die anderen Schuhe der Familie ebenfalls ins Klo.

Die Mutter erträgt mit schier engelgleicher Geduld die randalierenden Schwestern und den entnervten Vater und denkt sich immer wieder etwas Neues aus, um die Lage zu befrieden. Aber der Irrsinn geht weiter: Aus Protest schneidet Petruschka sich und ihrer Mutter die Haare kurz. Sogar jetzt bleibt die Mutter gelassen, was einem beim Lesen ein schlechtes Gewissen macht, denn man stellt sich natürlich vor, wie man selbst reagiert hätte. Am Ende hilft aber nur eines: Die Mutter geht mit ihren zwei Töchtern ins Schuhgeschäft und kauft fürs gesamte Haushaltsgeld Lackschuhe. Schwarze, weiße, rosafarbene, mit Schleifen und ohne.

Zum Abendessen gibt's, weil alles Geld ausgegeben ist, Schokofrösche, die selbstredend mit Messer und Gabel verzehrt werden. Angesichts dieser Situation muss sogar der Vater lachen. Eines steht fest: Die Autorin Vita Andersen muss Kinder nicht nur gut kennen, sondern auch sehr mögen. Liebevoll beschreibt sie die eigenwilligen Gedankengänge und Ideen von Petruschka und Marie, und man kann die verzweifelte Hilflosigkeit nachfühlen, von der die Eltern der beiden Mädchen zwischendurch befallen werden. Die ausgeprägte Fähigkeit der Mutter, sich in ihre fantasievollen Töchter hineinzuversetzen, ist ungemein sympathisch und entschädigt für viele Bücher, in denen sich Erwachsene Kind-Sein vorstellen.

Kurz: Petruschkas Lackschuhe ist sehr lebensnah, politisch herrlich unkorrekt, ohne pädagogisch erhobenen Zeigefinger und mit so absurder Komik erzählt, dass man es auch als Erwachsener mit Vergnügen liest. Das Buch ist von Rotraut Susanne Berner in bewährter Qualität illustriert und eignet sich zum Vorlesen ab fünf. (DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.2.2006)

Von Amelie Fried
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    foto: süddeutsche junge bibliothek
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