"Neue Welt": "Wenn du jung bist . . ."

8. Februar 2006, 13:13
posten

Paul Rosdys Dokumentarfilm "Neue Welt"

Wien – Geschichte drückt sich in vielfältigsten Formen aus. Ein bosnischer Kupferschmied hat eine überdimensionierte Patronenhülse im Angebot. Auf die Idee dazu kam er, als sein Land im Bürgerkrieg stand. Statt selbst zu schießen, wollte er produktiv sein. Die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright war eine der Kundinnen, erzählt er, die eine solche Hülse als Souvenir erwarb.

Suchend

Der Kupferschmied ist einer der Protagonisten aus Neue Welt, dem neuem Dokumentarfilm des Österreichers Paul Rosdy. Nach Zuflucht in Shanghai (1998), in dem er sich auf die Spuren von jüdischen Emigranten machte, folgt er auch hier einer historisch begründeten Suchbewegung. Er reist durch Länder und Regionen der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie: von Bosnien bis Siebenbürgen, von Dalmatien bis in die Bukowina.

Betont marginal

Der Zugang des Films ist einigermaßen offen. Der Reisende lässt sich treiben. So kreist Neue Welt auch um keine spezifische Fragestellung, es geht vielmehr darum, Menschen und Orte zu finden, an denen sich der Wandel (oder auch eine Form von Kontinuität) der Geschichte ablesen lässt. Rosdys Aufmerksamkeit gilt bevorzugt den marginalen Erscheinungen, das Repräsentative meidet er.

Aus Zeitungen der Zeit um 1900 liest der Off- Erzähler kuriose Meldungen vor, die über die jeweilige Region Aussagen treffen. Da heißt es einmal, dass die österreichische Riviera der französischen in nichts nachstehe, ihr gar in mancher Hinsicht überlegen sei. Archivaufnahmen zeigen das brandende Meer, nahtlos geht das Bild dann in die Gegenwart des heutigen Triests über und wechselt zu einem Gasthof, in dem Semmeln mit frischem Braten zubereitet werden.

Gehetzte Figuren

Dieses Schema des Abgleichs unterschiedlicher Zeiten strukturiert den Film. Eine schöne Idee, die in der Umsetzung mitunter daran leidet, dass der Blick zu wenig lange auf dem Material ausharrt. Ein wenig gehetzt ist auch der Umgang mit den Figuren, wo mancher gerade vorgestellt, schon wieder aus dem Film verschwinden muss. Von dem galizischen Paar, das eine Hymne auf die Erdölproduktion darbietet, erfährt man etwa kaum etwas über konkrete Lebenszusammenhänge.

Die musikalischen Einschübe übersetzen in Neue Welt dafür an vielen Stellen das Festhalten an einer spezifischen Kultur. In der ungarischen Puszta geben Roma ein beherztes Konzert, während eine jüngere Sängerin in Sarajevo mit ganz unterschiedlichen Ethnien im Ensemble agiert. Einen der berührendsten Momente liefert ein älterer Mann in Czernowitz, Johann Schlamp, der ein sentimentales Lied von Joseph Schmidt vorträgt: „Wenn du jung bist, gehört dir die Welt.“ Da wird die alte Welt einen Augenblick lang wieder lebendig. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD Printausgabe, 03.02.2006)

  • Artikelbild
    foto: rosdy film
Share if you care.