Dreirad im Köchelverzeichnis

10. Februar 2006, 16:59
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Pianist Fazil Say und Elio Gervasi tanzen sich in Wien an Mozart ab

Wien – Das Tolle an dem hochgelobten Pianisten Fazil Say ist die Lässigkeit, mit der er seinen bentleyhaften Flügel zu lenken weiß, dessen Saitenmotor, von grazilen Gazellenstärken getrieben, eine buttermollig gefederte Stimmungskarosserie durch selbstertastete Klanglandschaften tourt.

In dem Auftragswerk des Wiener Mozartjahres 2006 mit dem Titel Mozart – two – 6 reichen der türkische Komponist und der italoösterreichische Choreograf Elio Gervasi im Tanzquartier Wien einander ihre kunstfertigen Charakterhände. Mozarts Sonaten in C-Dur, KV 330 und in A-Dur in Says eigener Komposition Patara leiten acht von Gervasi instruierte Tänzerinnen und Tänzer an.

Verblüffende Nonchalance

In jüngerer Vergangenheit waren hier zu Lande einige tatsächlich erfolgreiche Begegnungen von Komponisten und Choreografen zu sehen, darunter jene von Boris Charmatz oder Xavier Le Roy mit Helmut Lachenmann oder Jérôme Bels Projekt über John Cage im Jahr 2004. In jedem dieser Kunstwerke taten sich neue, faszinierende Perspektiven im Verhältnis von Musik, Tanz, Körper und Bühne auf. Vor solchem Hintergrund bewegen sich Say und Gervasi jetzt mit verblüffender Nonchalance.

Nach einiger Zeit der perlenden Klanglichkeit im Stück fällt auf, dass der Flügel doch ein Dreirad ist: Say kennt seinen Mozart und spielt seine Patara, unterstützt von einem Sopran, einem Bläser und einem Perkussionisten, allzu sorg- und arglos. Desgleichen lässt Gervasi seine Tänzer los, als wäre alles zu vergessen, was sich in der zeitgenössischen Choreografie seit 15 Jahren ereignet hat und hechtet – nach langem Anlauf – in die Dünen einer staubigen Modern-Dance-Wüste. Hier ist nicht nur die Wendung rückwärts fatal, sondern vor allem das Desaster, in das er seine so aufopfernden wie talentierten Darsteller treibt.

Seicht, aber dicht

Der Choreograf opfert alle Nuancen, Feinheiten und Qualitäten seiner wendigen Tänzer einer so verschärften wie dünnen Virtuosität, die den Tanz zur karikaturhaften Kunstgymnastik und die Choreografie zur bloßen Bewegungsklöppelei macht. Was an Tiefgang fehlt, sucht Gervasi durch Dichte auszugleichen. Ein Kuhhandel, der auch an der Oberfläche keinen Belang vorzuspiegeln vermag. Schon gar, wenn gegen Mozarts musikalische Heiterkeit konterkarierend gemeinte Kalauer gesetzt werden, als hätten die Leute auf der Bühne nichts besseres zu tun als Witzchen zu machen, deren Pointen wir kennen. Auch Gervasi möchte lässig wirken wie der Pianist.

Vergessen scheint jene künstlerische Neuorientierung, mit der er sich vor einigen Jahren münchhausenhaft dem dräuenden Untergang entzog. Gerne hat er den begeisterten Applaus des Publikums, der vor allem Fazil Say galt, entgegengenommen. (Helmut Ploebst, DER STANDARD Printausgabe, 03.02.2006)

  • Verirrt sich
in den
staubigen
Dünen der
Modern-
Dance-Ödnis:
Elio Gervasi
mit seiner
Auftragschoreografie
„Mozart –
two – 6“
gemeinsam
mit dem
türkischen
Komponisten
Fazil Say
    foto: snovalis

    Verirrt sich in den staubigen Dünen der Modern- Dance-Ödnis: Elio Gervasi mit seiner Auftragschoreografie „Mozart – two – 6“ gemeinsam mit dem türkischen Komponisten Fazil Say

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