Schönes Haar ist ihr gegeben

10. Februar 2006, 16:59
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Erich Wolfgang Korngolds "Die tote Stadt" an der Wiener Staatsoper

Wien – Oder doch die Haushälterin? „Brigitta, du . . . in alter Lieb’ und Treu“ flötet Paul seiner patenten Ordnungskraft ins Ohr, und Korngold lässt dazu streichelweiche Des- Dur-Klänge sachte schwärmen. Paul, der lebensmüde Held, ist noch ein wenig verwirrt, hat er doch erst kurz zuvor – wenn auch nur im Traume – seine sexy Geliebte mit bloßen Händen erwürgt. Diese wiederum, Marietta mit Namen und ein Bild von einer Frau, ähnelt Pauls dahingeschiedener Lebensliebe bis aufs (schöne) Haar: Ja, wer wollte bei all dem verwirrenden Ineinander von Sein und Schein nicht kurz die Orientierung verlieren.

Hure und Heilige

Das Libretto zu Erich Wolfgang Korngolds Die tote Stadt ist, wie es ist: in seiner Fixierung auf das abgelutschte Heiligen- Huren-Thema so öde wie in seiner Sprachbehandlung spröde.

Komplett konträr dazu spielt sich das Geschehen im Orchestergraben auf: Wunderund Kritikerkind Korngold (über)dekoriert das graue psychodramatische Kammerspiel mit vielfarbigen, fantasiereichen Klangstoffen unterschiedlichster Provenienz – Füllhornsound nach Strauss’schem Muster ist ebenso dabei wie melodieseliger Glanz aus den Opernwerkstätten von Puccini & Co.

Da hatte das Staatsopernorchester also alle Hände und Münder voll zu tun, diesem überbordenden Klangmaterial Herr zu werden, und die Hände und Münder, sie schwankten zwischen Bemühen und Gelingen. Zwischen Sängerdienlichkeit und -behinderung wiederum pendelte Orchesterleiter Donald Runnicles: War schon oft ein wenig laut.

Wenig Brunnen, wenig Fluss

Torsten Kerl war es erlaubt, nach seinem Premieren-Paul bei den Salzburger Festspielen 2004 nun auch in Wien den Mann der Toten zu geben: Der Deutsche meisterte die schwierige Partie respektabel. Kein Springbrunnen an Erotik und Laszivität war die brav singende Emily Magee (Marietta); einen etwas entspannteren baritonalen Fluss ertappte man sich bei Bo Skovhus’ (Franks) „Mein Sehnen, mein Wähnen“ zu wünschen. (Stefan Ender, DER STANDARD Printausgabe, 03.02.2006)

Wieder am 4., 8., 12. und 16. 2.
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    foto: staatsoper
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