Kostensenkung oder Kunden­ver­treibung: ÖBB sorgen für Politstreit

28. Juni 2006, 16:26
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Selbstbedienung verwirrt Bahn-Kunden - Fahr­gäste schwanken zwischen Verwirrung und Empörung - für Seniorenverbände Schikane

Die Selbstbedienung verwirrt ÖBB-Kunden Gesperrte Bahnhofstoiletten, kein Ticketkauf beim Schaffner, 60 Euro Schwarzfahrer-Strafe: Die ÖBB wollen die Kosten im Personenverkehr senken. Die Fahrgäste der Bahn schwanken zwischen Verwirrung und Empörung.

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Wien - Bei der ÖBB-Personenverkehr AG dürfte man sich die Sache etwas leichter vorgestellt haben. Denn aus der Stadt ist das Prinzip ja bekannt: Man kauft sich seine Fahrkarte, bevor man in Bus oder Bim einsteigt - und zahlt Strafe, wenn man ohne erwischt wird. Der Versuch, dieses Konzept auf Bahnstrecken auszuweiten, sorgt aber derzeit speziell in Ostösterreich für einige Turbulenzen.

Selbstbedienungsstrecken

16 so genannte Selbstbedienungsstrecken werden derzeit in ganz Österreich erprobt (siehe Grafik). Wer dort einen Nahverkehrszug - also die S-Bahn oder Regional- und Eilzüge - benützt, kann seine Fahrkarte nicht mehr wie früher gegen drei Euro Aufpreis beim Schaffner kaufen. Stattdessen muss man sich das Ticket im Internet, via Handy oder beim Automaten besorgen - andernfalls sind seit 1. Februar im Zug 60 Euro "Kontrollgebühr" fällig.

Verunsichrte Kunden

"Wir bekommen doch einige Reaktionen der Kunden, die verunsichert sind. Die Sache ist noch neu, daher wird auch viel Aufklärungsarbeit geleistet", berichtet Katharina Gürtler von der ÖBB-Pressestelle. Gut 100.000 Fahrgäste benutzen auf den betroffenen Strecken täglich Nahverkehrszüge, schätzt sie.

Der überwiegende Teil dieser Kunden habe aber kein Problem, ganz kann Gürtler die Aufregung daher nicht verstehen, schließlich sollen mit der Maßnahme nur Schwarzfahrer abgeschreckt werden. Auf längere Sicht sollen dann bei manchen Strecken die Zugbegleiter überhaupt wegfallen und nur mehr stichprobenartige Kontrollen durchgeführt werden.

Kaputte Automaten

Dass Automaten auch defekt sind, wie zahlreiche Kunden dem STANDARD berichten, bestreitet Gürtler nicht, aber die Schaffner würden davon per SMS verständigt, ein Aufpreis sei dann nicht fällig, betont sie. Und sollte es doch zu einem Missverständnis kommen, könne man sein Geld von den ÖBB zurückfordern.

Seniorenverbände: "Ein Skandal"

Eine Argumentation, die besonders die Seniorenverbände ärgert. Gerade Ältere haben manchmal Schwierigkeiten mit der Bedienung der Automaten - der Service, die Karte beim Schaffner kaufen zu können wurde gerne genutzt. Beim ÖVP-Seniorenbund fordert man daher eine Rücknahme der "Schikane", der Präsident des "roten" Pensionistenverbandes, Karl Blecha, empfindet die Entwicklung als "Skandal".

"Wir haben mit den ÖBB eigentlich eine gute Gesprächsbasis gehabt, aber darüber bin ich entsetzt", empört sich Blecha. Und fordert von Verkehrsminister Hubert Gorbach (BZÖ) als Eigentümervertreter ein "Signal". Auch Gabriela Moser, Verkehrssprecherin der Grünen, will von Gorbach in einer parlamentarischen Anfrage wissen, wie er die ÖBB zur Rücknahme der Maßnahmen bringen will.

Die Antwort wird wohl negativ ausfallen, denn im Büro des Vizekanzlers sieht man darin operative Maßnahmen der Bahn, in die man nicht eingreifen werde. "Wenn die Automaten funktionieren oder rasch repariert werden, gibt es kein Problem", erläutert Gorbachs Pressesprecher Carl Ferrari-Brunnenfeld. "Wir sind darauf bedacht, dass das Unternehmen funktioniert."

WC-Streit geht weiter

Fehlende Wirtschaftlichkeit führen die ÖBB auch als Grund an, warum die Bahnhofstoiletten in fünf obersteirischen Bahnhöfen geschlossen werden sollten. "Wir haben dort 29 bis 69 Reisende pro Tag", rechnet Nikolaus Käfer von den Bundesbahnen vor, weshalb sich ein Offenhalten nicht rechnet. In 16 anderen Orten gäbe es bereits eine WC-Betreuung durch die Gemeinde, drei der fünf steirischen Ortschaften würden dies aber ablehnen. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe 3.2.2006)

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