Münchner Theatertodgesellschaft

13. Februar 2006, 22:00
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"Dunkel lockende Welt" wäre eine witzige Ansammlung von Disputen über Tod und Atemnot

In Sebastian Nüblings Uraufführungsinszenierung bleibt nur die Outrage übrig.


München - In der Fotosynthese der Pflanzen, einem unendlich verwickelten Transformationsprozess der bewusstlosen Natur, fällt, neben Traubenzucker, Stärke und Blattgrün, das für uns Menschen Unverzichtbare gleichsam nur nebenher ab: der Sauerstoff.

Chemischer Formelkram

In Händl Klaus' neuem, nunmehr drittem Stück Dunkel lockende Welt, wo etwa zur Textmitte hin eine vor Irrsinn flackernde Wohnzimmermegäre (Gundi Ellert) den ganzen chemischen Formelkram der Fotosynthese herunterschnaubt wie einen antiken Wahngesang, unterliegen drei auf absurde Weise ineinander gekrallte Figuren ein und der selben Beklemmung: der Atemnot.

Der Tiroler Händl Klaus (35) ist, obwohl seine Figuren immerzu höflich sind und harmlos tun, ein grinsender Würger. Er sieht der Kieferchirurgin Corinna (Wiebke Puls), die ihre Wohnung besenrein an ihren wunderlich tänzelnden Vermieter Hufschmied (Jochen Noch) zurückgibt, beim Luftschnappen zu. Sie möchte nach Peru gehen, wohin ihr Freund vorausgereist ist. Sie möchte den Indios die Hälse freikratzen.

Zehenknochen Wahrscheinlich aber hat sie ihren Freund bloß ins Jenseits befördert, weil Herr Hufschmied, am Uraufführungsort der Münchner Kammerspiele ein etwas hüftschwerer Sinatra, ein auf Sauberkeit erpichter, in Frauenschuhe schlüpfender, mit einem 50er- Jahre-Anzug vom rostigsten Notnagel staffierter Swingerkönig der Untermiethöfe, ein Zehenknöchelchen findet.

Herr Hufschmied, als verwaister Muttersohn ein Norman Bates eines holzverschalten Leipziger Zinshauses (Bühne: Muriel Gerstner), ist – um nur bei den Gehwerkzeugen zu bleiben – auf Freiersfüßen! Er macht der seidenweich bestrumpften Mörderin glatt den Hof. Nötigt der schönen Flüchtigen allerlei hochnotpeinliche Bekenntnisse ab, während Corinna (Puls), die knisternd bestrumpfte Femme fatale, mit allen Anzeichen einer akuten Vertuschungshysterie ihr Make-up mit dem Putzschwamm verwüstet.

Verkopft

Etwa bis hierhin biegt sich auch das Münchner Publikum vor Lachen: Mit etwas Turngymnastik im Geiste des großen Betrügerkinos à la Topkapi hält Regisseur Sebastian Nübling sich dem Händl Klaus sein Stück vom Hals. Wäre der Strauß Botho nur nicht derart verkopft auf den Ziehbrunnen des Mythos hereingefallen: Er wäre, bei gleicher Umstellung der Namensteile, dem Händl Klaus sein gleichsam natürlicher Ziehvater.

Nur hat der jüngere Droschl- Autor auch etwas völlig anderes geschrieben, als uns Nüblings Münchner Spaßgesellschaft glauben machen will. Die Dunkel lockende Welt beschreibt die zarten Übertretungsfelder einer völlig umfassenden Gesellschaftsdepression. Die mutmaßliche Mörderin Corinna sucht ihre Mutter, die Laborantin Mechthild (Gundi Ellert) heim: Sie, das Kind, wäre die Pflanze, die des mütterlichen Lichts bedürfte, um ihrerseits freier atmen zu können.

Mutti muss brüllen Stattdessen sieht man im Türrahmen bloß Puls mit einem Strauß Blumen ringen – während Mutti im Negligee etwas von "Proplastiden" und "Chloroplasten" herumbrüllt. Letztere sucht dann ihrerseits, verkleidet im Jackie-O.-Kostüm der Tochter, den ominösen Herrn Hufschmied in Leipzig heim: Vor den Müttern sterben die Töchter.

Und so wäre dem Händl Klaus sein beträchtlich witziges Stück eigentlich eine bitterböse Generationenmeditation. In der sich Menschen wünschen, kaltblütige Echsen in Finnland zu sein – wo sie während der kältesten Wintermonate nicht mehr selbsttätig atmen müssten. In der die Rentengewinner der letzten Rationalisierungswellen mit ihren wertlos gewordenen Foucault- und Barthes-Bänden einander aus der übergroßen Nähe erzwungener Intimität hilflos zuwinken (der maliziöse Herr Hufschmied ist ein "Philosophie-Narr").

Verstummen

In der sich ein junger Dramatiker unbekümmert von Einfall zu Einfall hangelt, um allerliebst verschnörkelt und traumhaft sicher etwas von der Atemlähmung (s)einer Generation zu erzählen: vom Verstummen von uns allen. Die nächsten Umstürze finden vielleicht in Peru statt. Nur die arme Corinna, von der die liebesräuberische Mutter in der dritten Szene sagt, dass sie "tot" sei, wird sie wohl nicht mehr zur Kenntnis nehmen können.

Zählt freilich alles nichts, wenn leidlich berühmten Regisseuren doch vielmehr danach ist, auf dem unebenen Parkett neuer, ungesicherter Texte possierlich Kino-nah zu tanzen. Händl Klaus' Stück ging, vor der Zeit, die Luft aus. (DER STANDARD Printausgabe, 03.02.2006)

Von Ronald Pohl aus München
  • Artikelbild
    foto: declair
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