GPS-Schatzsucher

5. Februar 2006, 21:41
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High-Tech-Spielzeug kann Schnitzeljäger glücklich, SWAT-Teams nervös und Schwammerlsucher überlegen machen

Es war vor einiger Zeit. Und seither überlege ich ob ich auch so ein Spielzeug will – und wozu ich es verwenden könnte. Schließlich gehöre ich weder zur Fraktion der urbanen Orientierungsläufer, noch bin ich ein Schwammerlsucher. Und nur, um irgendwelchen Handy-Anrufern auf die Frage, wo ich gerade sei, aus der U-Bahn meine aktuelle Position in Längen- und Breitengraden anzugeben, ein GPS-Ortungsgerät aus der Tasche zu kramen, scheint mir doch ein bisserl übertrieben.

Aber andere Leute haben eben andere Hobbys. Und so stolperten wir vor ein paar Wochen über eine Notiz über das in den USA allem Anschein nach weit verbreitete Freizeitvergnügen, unbekannte Mitspieler via Internet mit Koordinaten zu versorgen, an denen sie dann entweder weitere Hinweise oder aber kleine Gimmicks finden können: Ein GPS-gestütztes Schnitzeljagdsystem eben. Nett.

Bombenangst

Blöderweise reagieren in den USA Anrainer und Behörden seit ein paar Jahren hysterisch, wenn Menschen mit elektronischen Geräten sich suchend unter Brücken, bei Flug- oder Bahnhöfen oder einfach nur vor Hauseinfahrten bewegen. Und anstatt einfach zu fragen, was der betreffende denn tue, ruft man die Polizei. Die rückt dann gleich mit SWAT-Teams und Entminungsdienst an – und mit vorgehaltener Waffe am Aufstöbern eines Plüschtieres gehindert zu werden, dürfte den Spaß der Schatzsucher an der Sache nachhaltig mindern.

In Österreich, meinte einer in der Runde, wäre dergleichen wohl kaum zu befürchten. Aber trotzdem, stellten wir fest, wäre keiner von uns dazu zu bewegen, sich mit dem GPS-Ding in der Hand ins Gelände zu begeben, um ein dann ein vielleicht gefundenes Irgendwas durch ein anderes (so lauten nämlich die US-Spielregeln) Dingsbums zu ersetzen. Und auch sonst fehlte uns die Phantasie, uns praktische Alltags- und Freizeitanwendungen jenseits der Routenplanerei auszudenken.

Schwammerlschwund

Aber dann schlug sich S. an die Stirn: Jetzt wisse er, sagte er, was die Italiener da in der Hand gehabt hätten. Stadtpläne?, fragte ich – aber S. ignorierte mich: In seinem Wochenenddomizil in den steirischen Hügeln sei ihm schon vor ein paar Jahren das indirekt proportionale Verhältnis von italienischen Wanderern zu Schwammerln aufgefallen. Und im Vorjahr habe er, der versierte Schwammerlsucher, dann an sogar an ein paar seiner geheimsten und liebsten Schwammerlplätze Italiener gesehen. Nicht einzelne, sondern viele. Und die meisten hätten „so komische palm-artige Geräte“ gehalten.

S. ist jetzt sauer. Schwammerlsuchen per GPS, meint er, sei unsportlich. Noch dazu, wenn die Daten ­ und den Anschein hätte es gehabt – öffentlich verbreitet würden. Egal ob entgeltlich oder gratis. Das, schäumt S., sei das Letzte – und weil es halt, wenn auch wohl zufällig, Italiener gewesen seien, überlege er, seine Lieblingspizzeria in Zukunft zu boykottieren. (Obwohl der Pizzamann eigentlich Ägypter und sein Kochern Kroate ist. Egal.)

Serviceseite

Im selben Augenblick aber ging ein Leuchten über das Gesicht von B.: Eigentlich, meinte er, sei das eine prima Geschäftsidee für Psylo-Freunde. Er selbst sei zu doof, auf diversen Hängen und Wiesen jene Pilze zu finden, die er als Student so geschätzt hatte. Und genau deshalb habe er aufgehört, bei den alljährlichen Psylo-Ausflügen seiner Freunde mit zu fahren ­ eine Homepage mit präzisen Schwammerlfundstellen wäre aber genau nach seinem Geschmack. Und kombiniert mit ein bisserl Literatur, Fachwissen und sonstigen Tipps könnte das ja auch finanziell interessant werden.

B. hatte noch einen Termin, stand auf und ging – aber schon morgen, meinte er, würde er sich ein GPS-Gerät besorgen. Wir wünschten ihm alles Gute. Und grinsten. 20 Minuten später rief B. an: Jemand sollte ihm doch bitte helfen kommen: Er säße im Auto. Vor dem Haus. Und versuche, in sein Navigationssystem eine Adresse bei St.Pölten ein zu geben. Aber der Bordcomputer lehne seine Befehle – wie jedes Mal – ab: Ob wir ihm denn eine Straßenkarte borgen könnten?

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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