Musikrundschau: Zwischen Stundendisco und Studentenhotel

2. Februar 2006, 17:30
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The Most Serene Republic: Underwater Cinematographer - The National Trust: Kings And Queens und Tomte: Buchstaben Über Der Stadt

THE MOST SERENE REPUBLIC
Underwater Cinematographer

(Arts & Crafts/Edel)

Schon wieder eine neue Band aus dem Pop-Wunderland Kanada. Das junge Sextett aus Toronto, das sich als Kickstart gern auf Radioheads Kid A beruft, fällt mit diesem in der Heimat bereits im September veröffentlichten Debüt nicht besonders aus der Reihe. Ähnlich wie die Labelkollegen Broken Social Scene vertritt man ebenfalls die These vom Mehr als Mehr. Und man schichtet auf episch-breit angelegten Keyboard-Flächen verzückt Pathos und Kitsch über Lärm und Dreck. Dabei erreicht man zwar nicht ganz die Qualität von The Arcade Fire oder Wolf Parade. Aber das kann ja alles noch werden. Sympathischer Einstand!

THE NATIONAL TRUST
Kings And Queens

(Thrill Jockey/Trost)

Neil Rosario aus Chicago spielte früher bei verdienten, gut in der Blues- und Rocktradition geerdeten Gitarrenbands wie Dolemite oder Red Red Meat und entdeckt nun nach einer massiven Gehirnwäsche mit Partner Mark Henning die Freuden des Dance-Pop. Mit funkigen Keyboard-Sounds und Kopfstimmengesang in der Mitte zwischen Curtis Mayfield und Prince gelangen dabei mitunter brauchbare Ergebnisse im Bereich der Billigsdorfer-Disco. Für ältere Mitbürger: Die Musik von Bilgeri hat früher auch nicht anders geklungen.

Das ständige Herumgetue mit Bumsgeräuschen im Hintergrund nervt allerdings auf die Dauer gewaltig. Ebenso wie gleich der Eröffnungssong Elevators mit seiner reichlich platten Metaphorik. Stücke wie dieses oder das programmatische New Sexy Touch sind möglicherweise im Puff von Mattersburg besser aufgehoben als in fortschrittlichen Studentendiscos. In denen wird das gerade als der neue, heiße Scheiß verkauft.

TOMTE
Buchstaben Über Der Stadt

(Hotel Van Cleef/Wohnzimmer Records)

"Ich entschuldige mich für alles, was ich in Trümmern hinterließ. Aber nicht für meine Bildung und nicht für dieses Lied." Nach der über Gebühr strapazierten Verkopfung der deutschen Popmusik im Feuilleton über Bands wie Blumfeld, Tocotronic oder die Goldenen Zitronen beglückt man sich abseits tatsächlicher Verkaufszahlen mit den musikalisch gar nicht so weit unter Niveau gehenden, aber offensichtlich bösen Juli, Silbermond oder Wir Sind Helden derzeit an der Verschlagerung und Verzärtlichung einst intellektuell gedeuteter Funktionsmusik. Das Hamburger Quintett Tomte um Thees Uhlmann setzt diesem Trend nach dem diesbezüglich beachtlichen, allerdings noch in der dritten Person gehaltenen Wurf Hinter All diesen Fenstern jetzt noch eins mit der plakativen Ich-Form drauf.

Über fröhlich-melancholischem und pfadfindermäßig allzeit-bereit reflektiertem Jingle-Jangle-Pop der britischen 80er-Jahre-Schule (The Smiths!) eiert unser Dichterfürst unechte bis falsche Reime, die die großen Themen Liebe und / oder Leben als "Reise durch sich selbst, eine Reise um die Welt" verhandeln wollen. Selbst für die hartgesottensten Vertreter eines neuen, ironiefreien Bekennertums von Pop ohne doppelten Boden eigentlich unerträglich. Stop making Schmalz! (schach, Der Standard Printausgabe, RONDO, vom 3.2.2006)

  • The Most Serene Republic - Underwater Cinematographer
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    The Most Serene Republic - Underwater Cinematographer

  • The National Trut - Kings And Queens
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    The National Trut - Kings And Queens

  • Tomte - Buchstaben Über Der Stadt
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    Tomte - Buchstaben Über Der Stadt

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