Plädoyer für eine kleine Dicke

von Tanja Paar; Martin Amanshauser  |  10. Februar 2006, 18:04
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    Bei Einheimischen und Touristen gleichermaßen beliebt: Die "Remodelados", die historischen Waggons der Linie 28.

Die Straßenbahnlinie 28, ist ein Lissabonner Unikum. Martin Amanshauser drehte eine Runde von Mouraria durch die Gassen der Alfama und retour

Das "Eléctrico" 28 ist eine Legende. Ein dickes, gelbes Insekt, das sich scheppernd durch die unmöglich steilen Kurven im Lissabonner Stadtteil Alfama schlängelt - Kurvenradien von unter zehn Metern, Steigungen von bis zu fünfzehn Prozent. An den Haltegriffen außen hängen Halbwüchsige, die sich auf diese Weise den Fahrpreis sparen, und innen sind im Sommer die Fenster herausmontiert, damit der Passagierblock ein bisschen Fahrtwind abkriegt.

Die Tramwaylinie 28 überquert seit vielen Jahrzehnten die beiden wichtigsten Stadthügel, und ihr Status als Sehenswürdigkeit hat sie vor dem Aussterben gerettet: Als Anfang der Achtzigerjahre ein Radikalschnitt im über hundert Kilometer langen Straßenbahnnetz der Companhia de Carris de Ferro de Lisboa, kurz "Carris" vorgenommen wurde, wagte niemand, eine Linie abzuschaffen, von der jeder Reiseführer berichtete. Vom ehemaligen Maurenviertel Mouraria schlängelt sich der 28er durch die Graça, passiert dabei Punkte wie den Miradouro da Graça oder den Dienstags- und Samstagsflohmarkt "Feira da Ladra" und taucht ins Herz der Alfama ein, wo ein Teil der Strecke traditionell eingleisig geführt wird: Trotz der extrem schmalen Spurbreite von 900 Millimetern ist da einfach kein Platz für zwei Gleise.

Früher standen am Anfang, in der Mitte und am Ende des Abschnitts Fahnenschwinger, die dem jeweils nächsten Glied der Kette Fahrt- und Stoppsignale zuwinkten - denn das Terrain ist kurvig - heute behilft man sich automatisiert, das System ist durchaus fehleranfällig, und es kann passieren, dass zwei Eléctricos einander ins Gehege kommen.

Steil geht es den Hügel hinunter in die Baixa, die flache Unterstadt mit ihren Prunkstraßen, die vom Marquês de Pombal nach dem vernichtenden Tsunami des Jahres 1755 errichtet wurde, gleich wieder hinauf zum Largo de Camões und geradeaus durch das hübsche Stadtviertel Estrela bis zum Cemitério dos Prazeres, oftmals als Kuriosum behandelt, denn korrekt übersetzt bedeutet der Terminus "Friedhof der Vergnügungen".

Selbiges klingt jedoch auf Portugiesisch ganz normal, Prazeres ist ein Stadtteil wie etwa Favoriten, bei dessen Erwähnung in Wien Lebende ja auch nicht an das Icon denken, unter dem sie bei Windows ihre bevorzugten Internetseiten abrufen. Über die Steinmauer des Friedhofes reicht der Blick bis zur Brücke des 25. April, des Revolutionstages, hinter der die Tejo-Mündung in den Atlantik übergeht. Der 28er leidet unter einer extrem inhomogenen Fahrgastzusammensetzung: Touristen besteigen ihn scharenweise vor dem Hotel Mundial. Nachdem sich Italiener, Polen und Franzosen niedergelassen haben, beginnt die Fahrt, und an jeder Haltestelle schreitet die Nationalisierung des Publikums voran, bis oben in der Graça die Portugiesen überhand genommen haben.

Dort sind die 20 Sitz- und 38 Stehplätze oftmals schon vergeben, so dass die Tramwayfahrer, die auf der vorderen Plattform mitten im Getümmel auf einem Rundhocker sitzen, niemanden mehr einsteigen lassen. Im Durchschnitt sind die über vierzig historischen Vierrad-Gefährte, die auf der 28er-Strecke unterwegs sind, ein halbes Jahrhundert alt.

Die Waggons heißen in Fachkreisen "Remodelados", sie sind in ihrer Mehrheit renovierte Standard-Straßenbahnen aus den Dreißigerjahren. Weil es für die 8,5 mal 2,5 Meter großen Zweiachser mit Skodamotor kein zeitgemäßes Vorbild mehr gab, wurden sie behutsam mit Technik ausgestattet, um moderne Komfort- und Sicherheitsansprüchen zu erfüllen.

Was den 28er betrifft, so hat sich die Modernisierung als erfolgreich und richtig erwiesen. Leider wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten viele andere Linien außer Betrieb gesetzt. Vom Lissabonner Straßenbahnnetz blieben 48 Kilometer übrig, weil sich nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch unter Verkehrsplanern hartnäckig das Gerücht hält, nicht der explodierende Autoverkehr, sondern die gelben Garnituren trügen an den Verstopfungen im engmaschigen Straßensystem Schuld.

Denn durch das Zusammenspiel der engen Gassen in Graça und Alfama mit der traditionell schlechten Parkmoral der Portugiesen bleibt der 28er regelmäßig stecken. Zuerst wird wild gebimmelt, dann notiert sich der Tramfahrer das Kennzeichen des blockierenden Autos. Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist Aufregung in der Umgebung entfacht, Passanten und Lokalbesitzer, Angestellte und Eckensteher versuchen den Autobesitzer zu eruieren - um ihm die Schmach der Abschleppung zu ersparen.

Irgendwann kommt der Besitzer schließlich angelaufen, mit hochrotem Kopf und wortreichen Entschuldigungen, die allesamt besagen, er sei ohne eigene Schuld "aufgehalten" worden. Der Tramfahrer zuckt mit den Achseln und betrachtet mit Interesse das Ausparkmanöver, und die Passagiere drängen sich ans Fenster, denn mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass der Parksünder ein Einarmiger ist, und das ist auch im Lissabonner Verkehrssystem eine Rarität. "Wenn man bedenkt, dass der nur einen Arm hat", murmelt eine alte Frau, "beherrscht er seinen Wagen recht gut." Niemand lacht.

Das angenehme Fahrtgefühl stellt sich ein, wenn die Portugiesinnen und Portugiesen ihr großes, allgemeines, überbordendes Gespräch beginnen. Soll man dem Japaner helfen, der seinen Stadtplan verkehrt hält? Der alte Mann mit den Krücken braucht einen besseren Sitzplatz! Beim Einstieg wird einem Besoffenen von allen Seiten geholfen, der Mann wird über die Stufen in den Wagon geschoben, nach vorn gedrückt, und sogar der Tramfahrer streckt die Hand aus.

Gern diskutiert man über alte und gebrechliche Zeitgenossen: "Senhora, Vorsicht beim Aussteigen, ich will Sie nicht wieder stürzen sehen!" Von hinten mischt sich eine Stimme ein: "Ich kenne die Senhora besser als Sie, die steigt immer recht gut aus und braucht Ihre Ratschläge nicht." Als kompetentester Spezialist, die Senhora betreffend, wird der Tramfahrer anerkannt, und jetzt löst er das Geplänkel mit dem Verdikt, die Alte sei eigentlich noch ganz gut bei Fuß - er kenne sie noch besser - man müsse ihr nur etwas Zeit lassen. (Der Standard/rondo/3/2/2006)

Martin Amanshauser, geb. 1968, Autor, Amanshauser. Neu: "Alles klappt nie",
Roman, Deuticke Verlag 2005.
druckenweitersagen:
Walter Tiefentaler
12.03.2006 06:19
vielen dank...

...fuer diesen schoenen text. ich dachte schon die alltagspoesie im standard waere ausgestorben.

WOTLmade
08.02.2006 19:01
Ein unglaubliches Erlebnis

Wer ein mal erlebt hat, wie die Fahrerin mit stoischer Selbstverständlichkeit in voller Fahrt auf einer Gefällestrecke vor der alle anderen Straßenbahnfahrer dieser Welt vor Ehrfurcht in die Knie gehen würden voll die Bremse "reinhaut", dass die gesamte Garnitur nach vorne kippt und mindestens 5 Meter mit funkensprühenden Radkränzen dahinschlittert um dann punktgenau in der Station stehen zu bleiben wird sich sein Leben lang an die Fahrt mit der 28er erinnern!

Die Linie ist Lissabon wie sonst fast nichts!

Nikolaus Hebenstreit
08.02.2006 01:05
900mm

Diese "extrem schmale Spurbreite" von 900mm besitzt auch die Strassenbahn in Linz - mit ziemlich grossen Garnituren.
Aber ich bin natürlich auch ein grosser Fan der Lissaboner Linie 28, möge sie noch lange bestehen!

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