Die Revolution sind wir

9. März 2006, 13:32
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Immer weniger Designer zeigen Haute Couture - Die verbliebenen Schauen werden dafür immer gewagter

Noch nie gab es so starke "Klassenunterschiede" in der Couture. Einerseits die bekannten, zu mächtigen Gruppen gehörenden Häuser, die anscheinend über unbegrenzte Mittel für Super-Schauen und kostbare Stoffe verfügen. Andererseits die jungen Anfänger, die mit Hilfe von Mäzenen in Paris präsentieren, um sich Prestige und Anerkennung zu verschaffen.

Nachdem jetzt auch Jean-Louis Scherrer und Torrente ausgefallen sind, gibt es kaum mehr eine Couture-Mittelklasse. Außer Dominique Sirop (einst Assistent von Givenchy), der seit Jahren unabhängig seine kreativen, aber tragbaren Kollektionen entwirft und dem Portugiesen Felipe Oliveira Baptista, der nun zum dritten Mal in Paris auftrat, und zwar im neobarocken Kuppelsaal des Palais de la Découverte (mit Hilfe seiner Regierung). Er zeigte weiße oder schwarze Plastrons in Form von Flügeln über Plissee-Röcken sowie kleine, ärmellose Samtkleider mit Perlenstickereien um Taille und Ärmelausschnitte.

Eindrucksvoll: Lagerfeld und Chanel

Den Preis für die eindrucksvollste Show müsste diesmal Karl Lagerfeld für Chanel bekommen. Unter der Glaskuppel des Grand Palais stand da inmitten einer mit weißem Stoff bezogenen Arena eine riesige Säule, wie eine Raketen-Abschussrampe. Dorthin verschwanden die Models nach einer Runde für das Publikum. Zum Schluss hob sich die Röhre zum Plafond und gab eine hohe Wendeltreppe frei, auf der man nochmals die Models bewundern konnte: in überaus zarten, meist weißen oder pastelligen, wie Kristallzucker transparent schimmernden Kleidern in kurzen Trapez-oder Baby Doll-Formen, sowie in kleinen, ärmellosen Kleidern mit flachen Stiefeln à la Courrèges, allerdings luxuriös ergänzt von Pailletten-T-Shirts und Leggings aus Leder, Spitze oder Lurex. Zu sehen auch schlichtere "Kleine Schwarze" mit geometrischen Ausschnitten und Tageskostüme aus weißem Tweed mit extrem kurzen, lockeren Boleros mit Stehkragen über schwarzen Pullis und kurzen, geraden Kuppelröcken.

Folkloristisch: Lacroix

Eine antike Vedute von Arles als Hintergrund und drei Mädchen in provenzalischer Tracht unterstrichen die südliche Herkunft von Christian Lacroix. Von dort stammen auch seine Hauptmotive: Torerojacken und Flamenco-Rüschen, gemischt mit Miedern und Krinolinen aus dem 18. Jahrhundert. Doch diesmal aus noch leichteren Stoffen drapiert, gebauscht, gerafft, gerüscht, reich bestickt, mit Strass, Federchen, Bändern, Perlen besetzt. Manchmal auch mit goldenen Arabesken (aus Blattgold!), wie beim weißen Abendkleid "Mozart" mit Mieder und Reifrock - ein Anklang an seine Kostüme für "Cosi fan tutte" an der Oper in Lyon und "Cyrano" an der Comédie Française.

Beklemmend: Dior

Beklemmende Stimmung hingegen im Riesenzelt bei Christian Dior: Die Schrecken der Französischen Revolution haben diesmal John Galliano inspiriert. Die Models mit zerzausten, weiß-blonden Perücken und dunkel umrandeten Augen stürmten in zerfetzten Korsetts mit großen Kreuzen und blutbefleckten Krinolinen daher, als wären sie der Folterkammer entkommene Adelige - mit der auf die Haut tätowierten Jahreszahl 1789. Manche traten auf als Schergen mit blutigen Lederjacken und Biker-Hosen. Etwas erotischer die roten, auf Chiffonröcke gestickten Strumpfhalter. Zum Finale: Galliano als Marquis de Sade, in zerfetztem Leder-Outfit mit gezücktem Degen.

Fröhlich: Gaultier

Fröhlich verlief die Schau von Jean-Paul Gaultier, in der es Rosenblätter rieselte - wenn auch mit eineinhalb Stunden Verspätung, weil man auf Ehrengast Madonna warten musste. Ein Thema war die Tracht der Evzonen: Zipfelmütze über knapper Jacke und kurzem, weißen Faltenrock. Gaultiers traditionelles Schnürmieder war diesmal mit Volants verziert oder bauchfrei. Kurze, bestickte Boleros aus Mousseline oder Macramé-Spitze enthüllten bestickte BHs und freie Nabel, dazu schwingende Plisseeröcke oder Haremshosen. Stargast Catherine Deneuve: "Raffiniert, extravagant und trotzdem tragbar." Womit man derzeit allgemein die Couture resümieren kann.
(Der Standard/rondo/03/02/2006)

Aus Paris berichtet Linda Koreska
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    Jean-Paul Gaultier

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    Christian Lacroix

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    Christian Dior

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