Spielen verboten

27. März 2006, 16:11
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Gefangen in der Kinderstube: Puppen-Outfits bestimmen in diesem Frühjahr unsere Mode

Ihre Augen stehen einen Tick zu weit auseinander, ihr Mund ist breit, ihre Wangenknochen sind hoch, das Haar blond und die Augen blau. Eine der üblichen Modelschönheiten ist Sasha Pivorarova trotzdem nicht. Die 20-jährige Russin ist Miuccia Pradas Vorzeigegesicht, sie ist auf beinahe jedem Runway zu sehen. Worüber die Modebranche sich dennoch echauffiert: Sasha ist ein Bug, ein Käfer.

So werden derzeit die neuen Puppengesichter in der Modebranche leicht verächtlich genannt - auch wenn sie jeder gern unter Vertrag nehmen würde. Die Kindfrau Gemma Ward gehört dazu, Rotschopf Lily Cole oder auch die Brasilianerin Caroline Trentini. Sie haben die Cromagnonstirn und die schwarzumrandeten, weit auseinander stehenden Augen, die zu den puppenhaften Gewändern der Designer in diesem Frühjahr am besten passen. Mit den Modeüberfrauen der vergangenen Jahre, den toughen Schönheitsgöttinnen mit 24-Stunden-Job und schreiendem Kind, haben diese ätherischen Geschöpfe dagegen wenig zu tun.

Babydoll-Mode

Das ist bei der Babydoll-Mode, die sie tragen müssen, auch nicht wirklich notwendig. Die Designer haben sich bei der Mode für dieses Frühjahr nämlich ihrer Kinderstube besonnen - samt der niedlichen Kleidchen mit den vielen Maschen und den hoch geschlossenen Krägen, die sie ihren Spielpuppen damals so liebevoll übergezogen haben.

Bei Phoebe Philo, der von ihren Jüngerinnen wie eine ältere Schwester verehrten Chloé-Designerin, versteht man das ja noch. Während der Babypause im vergangenen Jahr standen ihr die gebauschten Röcke und flatternden Spitzenkrägen der Stubenhocker verständlicherweise näher als die Business-Anzüge der Werktätigen. Bei Intellektuellenschneiderin Miuccia Prada und ihrer Miu-Miu-Kollektion war man dagegen schon etwas erstaunter: Die A-Linien-Kleider gingen noch als Sechzigerjahre-Retrostücke durch, aber was sollte man etwa angesichts des silbergrauen, hochgeschlossenen Seidenkleides denken? Was angesichts des Maschenungetüms, das bei Moschino die Show beschloss, der Schulmädchenoutfits bei Marc Jacobs, des rokokohaften Rüschenwahns des Nicolas Ghesquière bei Balenciaga? Frauen stillgesessen? Brav zurück in die Kinderstube? Dort mucken die Puppen bekanntlich auch nicht auf.

Eigenwilliges Frauenbild

Widerstand regt sich ob dieses eigentümlichen Frauenbilds, das die Laufstege für dieses Frühjahr und diesen Sommer bevölkert, kaum. Die Modewelt jubelt über die vielen Kleider, die überall zu sehen sind, begrüßt "die neue Weiblichkeit" (in welcher Saison wird diese eigentlich nicht ausgerufen?) und das nach den stromlinienförmigen Silhouetten der vergangenen Jahre "neue Volumen" (Vogue) in der Mode. Dass die Puppenkleider Frauen huldigen, die gehegt und gepflegt werden wollen, die zart und zerbrechlich sind und dabei immer schön das Mündchen halten, daran mag niemand glauben.

Vielleicht geht es auch wirklich um etwas anderes. Die Puppe ist nämlich bereits seit Jahrhunderten zu einem Schlüsseltopos unserer Kultur geworden. "Der Weg zum Stil führt über die Puppe" - so hat Oskar Schlemmer, der wie kaum ein anderer sonst die leblosen Geschöpfe in die moderne Kunst einführte, einmal einen Aufsatz beendet. Was er damit meinte, war, dass es gerade Puppen seien, die eine Vision des Menschen lieferten - aber auch das Wissen um seine Verletzlichkeit.

Puppe zwischen Natur und Artefakt

Das ist der Grund, warum Puppen in der Kunst der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eine dermaßen große Rolle spielten, von den androiden Körpern des Hans Bellmer bis zu den Schaufenstermannequins der Surrealisten. In dieser Zeit der Krise, in der das Menschenbild sich grundlegend von seiner naturalistischen Wiedergabe löste, wurde die Puppe als Zwischending zwischen Natur und Artefakt, zwischen Leben und Tod, zwischen Ideal und Larve zu einem Symbol für ins Schwanken geratene Gewissheiten. Ja, aus psychoanalytischer Sicht stellen Puppen sogar ein Paradebeispiel für das Unheimliche dar.

Laufstegpuppen

Daran sollte man sich angesichts der heutigen Konjunktur der Laufstegpuppen erinnern. Vielleicht sind auch sie mehr als reine Repräsentationen einer entmündigten Weiblichkeit, mehr als dumme Nesthäkchen und dämliche Kindfrauen. Vielleicht tragen auch sie die Zweifel in sich, die wir mit uns herumschleppen. Mit ihren blasierten Blicken und - zumindest in den Anzeigenkampagnen - zumeist liegend, künden diese ätherischen Wesen von den Kämpfen darum, was eine Frau heute ist und sein sollte. Von den Gefahren eines Rollbacks erzählen sie sowie vom Ideal einer Kindheit, die uns im Laufe des Erwachsenwerdens abhanden kam.

So gesehen - also abseits eines reinen Repräsentationsblickes - gehören diese distanzierten Unschuldsengel und Mädchendiven zum Verstörendsten, was die Mode momentan zu bieten hat. Gerade deswegen finden wir sie so unmöglich - und so attraktiv. (Der Standard/rondo/03/02/2006)

Stephan Hilpold über die unheimlichen Babydiven und ihre unschuldigen Roben.
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    Kreation von Prada für Frühling/Sommer 2006.

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    Modell von Phoebe Philo, Designerin für Chloé

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    Lily Cole

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