Elegante jesuitische Beweisführung

2. Februar 2006, 17:20
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Die Internet-Pornographie ist schuld an der ökonomischen Krise

H. ist immer noch nicht aus Indien zurück, aber glaube niemand, dass mir deshalb fad wäre. Wir haben jetzt einen regelmäßigen Stammtisch, so eine Art "Verschwendungsverein Apokalypse", der trifft sich an zufälligen Tagen im Café Prückl, und da baden wir regelmäßig nach Herzenslust im Kulturverfall. Wir suhlen uns wie Muttersäue in den Untugenden der Jugend, den Symptomen der Sinnlosigkeit, repräsentiert vom Elend der Esoterik, besiegelt von den Metastasen des Metaphernverfalls. Es ist herrlich.

Natürlich auch altmodisch, weil neulich zeterten wir über das Fernsehen, und das regt ja schon lang niemanden mehr auf. Keiner, der auf sich hält, verschwendet einen Gedanken an Fernsehen. Zeitgemäßer wäre zweifellos meine elegante jesuitische Beweisführung, dass die Internet-Pornographie schuld ist an der ökonomischen Krise. Vielleicht kann ich es Ihnen darlegen. Also, das Internet und die Internetpornographie waren in den 90er-Jahren ein gigantischer Wirtschaftsfaktor, weil es ZUKUNFT war. Alle haben ganz fleißig gearbeitet, damit man in naher Zukunft ganz viel Pornos für fast kein Geld (Flatrates sind ja kaum teurer als ein Prückl-Besuch) bekommt.

Jetzt ist die Zukunft GEGENWART, überall sind Internet-Pornos, und niemand hat mehr Grund zum Arbeiten. Deshalb Wirtschaftskrise. Die Abfuhr der Säfte ist gewährleistet, und warum sollte jemand noch denken, intrigieren, organisieren, sich exponieren, produzieren? Das hab ich im Prückl nicht angebracht, weil E. eine große Anti-Fernseh-Fangemeinde aktiviert hat. Natürlich sind wir alle Opfer des Fernsehens. Ich wollte neulich fein essen gehen, aber F. meinte, wer gut essen will, muss 2006 leider selber kochen.

Alle guten Köche sind jetzt Fernsehköche. Wenn man zu denen geht, sieht man nur noch ein Video vom Nierenbraten oder kriegt einen Nierenbraten, der digital schmeckt. Bestenfalls monochrom. Und das zu den Preisen, wie wo sie noch nicht Fernsehköche waren. Warum sind Köche jetzt so etwas Ähnliches wie Popstars? Warum muss ich jetzt kochen? Wer's weiß, kriegt eine Melange (im Prückl).

Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
(Der Standard/rondo/03/02/2006)

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