Light my Abenteuergeist

6. Jänner 2007, 12:02
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Alltagsradeln im Winter muss ja nicht sein - Außer, wenn es wirklich unbedingt sein muss

Es ist ja nicht so, dass man als Stadtradler in Winter herumfahren und vor Glück schreien möchte. Der Winter nämlich ist der natürliche Feind des Radfahrers, und unter den Feinden der einzig flächendeckende. Genau genommen kommt der Winter sogar dreidimensional näher, was sensiblen Gemütern doch ein bisserl zu viel werden kann.

Die anderen natürlichen Feinde nehmen sich dagegen harmlos aus, ausgenommen vielleicht der radlerhassenden Autofahrer, der zwar im Gegensatz zum Winter nur aus einer Richtung kommt, dafür aber tonnenschwer.

Die Kälte und die Schneeflocke, immerhin, sind zumindest zart von Gewicht. Dem Winter allerdings kann man zugute halten, dass er die anderen Feinde des Radlers zumindest zierlich einfriert: Die nasse Straßenbahnschiene liegt dann auch unter Schnee begraben. Was bisher nach Gewinn aussieht, ist allerdings keiner: Der Schnee macht die gesamte Fahrbahn so rutschig wie es sonst die Schiene alleine ist.

Völlig harmlos hingegen wird im Winter der Hundekot, der zwar übers Jahr auch nur punktuell auftritt, aber die Punkte liegen oft verdammt knapp beinander. Wer noch nie mit dem Vorderreifen ein Hundstrümmerl aufgegabelt und dann versehentlich mit der aufgekrempelten Hosenstulpe gefangen hat, möge sich zum verbalen Schulterklopfen melden. Wir anderen, die wir doch schon zart den gepflegten Hundehass angedacht haben, könnten uns derweilen in einer Therapeutischen Selbsthilfegruppe einfinden und dabei das Praterstadion füllen. (Radlerparkplätze sind dort genug vorhanden.)

Jetzt aber: Der Winter. Zuerst kommt er von schräg oben, wobei er jenen Radlern die Sicht raubt, die gegen die Windrichtung fahren. Wer etwas länger im Schneetreiben unterwegs war, verrät nach dem Absteigen den Umstehenden sofort, wo die Wetterseite war. Liegt der Winter dann am Boden, dann lässt er die Traktion entgleiten. Das Rennrad wird dann eher zur Narrenkappe, Mountain- und Citybikes bieten mehr Erfolgschancen, aufrecht das Ziel zu erreichen. Spikes sind eine gute Wahl und schneller aufgezogen, als lädierte Knie zur Wiederherstellung der Geschmeidigkeit brauchen.

Da der Schnee in der Großstadt aber nur wenige Minuten Schnee bleibt, bevor er mit Streusalz und Splitt zur grauen Suppe zergatscht, kommt der Winter auch von unten wieder zurück, quasi als zeitverzögerter Querschläger.

Dagegen helfen üppige Kotflügel, mit denen wir uns im Sommer nie sehen lassen würden. Gegen die Kälte helfen Jacken vom Aussehen einer Daunentuchent, Snowboard-Handschuhe und hübsche Mützen, die wir gerne unter einem Helm verstecken.

Gegen die Kälte hilft auch schnelles Treten, und zwar doppelt: Eine gut gepflegte Milchmädchenrechnung sagt nämlich: Je schneller man am Ziel ist, desto weniger radelt man in der Kälte. Nicht in diese Weisheit Eingang gefunden hat allerdings die Erkenntnis, dass das Risiko eines winterlichen Sturzes mit der Fahrgeschwindikgeit steigt. Die Folgen des Sturzes werden von der dicken Kleidung wirkungsvoll gemildert.

Wenn es überhaupt so weit kommt. Denn wer vor der ersten Ausfahrt lange und völlig uninteressante theoretische Abhandlungen übers Radeln im Winter schreibt, kann diese erste Ausfahrt bei Schnee tagelang hinauszögern.

Ich Feigling, ich.

(Dietrich P. Dahl, derStandard.at, 3.2.2006)

  • Der Winter kommt dreidimensional näher.
    foto: derstandard.at

    Der Winter kommt dreidimensional näher.

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