Filmfestival Rotterdam: Rindszungen und verkehrte Mozartbilder

5. Februar 2006, 19:27
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Das Festival ist eines der vitalsten, spannendsten Foren für Laufbilder - Österreich ist mit "The Mozart Minute" vertreten

Auch in seinem 35. Jahr erweist sich das Filmfestival Rotterdam als eines der vitalsten, spannendsten Foren für Laufbilder Österreich ist etwa mit "The Mozart Minute" vertreten.


Das Zusammentreffen zweier Surrealisten ist ein typisches Beispiel für die vielen Kreuzungspunkte des Filmfestivals von Rotterdam. Unbekannte Orte des Denkens, der Fantasie oder auch des Arsches – die habe er für uns erobert, meinte der Brite und Ex-Monty-Python Terry Gilliam enthusiastisch über den tschechischen Fantasten Jan Svankmajer.

Anlass für diese huldigenden Worte war die Weltpremiere von Svankmajers neuem Film, Sileni, eine an E. A. Poe und den Marquis de Sade angelehnte Parabel über Regime des Wahnsinns, die auf sympathische Weise Vertrautes vorführte. Zu Beginn richtet der Regisseur selbst das Wort an das Publikum und wird dabei von einem kriechenden Fleischstück in der Konzentration gestört. Derlei Animationen – etwa Rindszungen, die durchs Bild watscheln, knutschen oder auch kopulieren – begleiten den gesamten Film. Sie unterstreichen die triebhafte Stimmung in einem Irrenhaus, in dem alle Regeln aufgehoben wurden. Svankmajer, ein ironischer Pessimist, sieht darin ein Spiegelbild der Gegenwart.

Einminütige Arbeit zum Phänomen Mozart

Eine Huldigung anderer Art unternahmen 28 österreichische Filmschaffende im Auftrag des Wiener Mozartjahrs: Dem Phänomen Mozart galt es eine einminütige Arbeit zu widmen. The Mozart Minute konnte man in Rotterdam als Panoptikum des heimischen Filmschaffens betrachten: von narrativen Skizzen über experimentelle bis hin zu dokumentarischen Miniaturen. Der schon vorab skandalisierte Beitrag von Ulrich Seidl zeigt zwei masturbierende Männer  auf der Couch, am Tisch dazwischen eine Küchenrolle, das Sklavenlied aus Mozarts Zaide, "Brüder, lasst uns lustig sein", erklingt dazu – was nicht auf Empörung zielt, sondern mit einem lakonischen Akt Überdruss übersetzt.

Die kritische Auseinandersetzung mit dem ikonischen Bild Mozarts steht in mehreren anderen Beiträge im Zentrum: besonders pointiert bei Michael Palm, der unbemerkt einen Konzertwerber im Amadeus-Outfit filmt und ihn dabei beobachtet, wie er sich Speisereste aus dem Mund entfernt. Mara Mattuschka liefert hingegen einen performativen Höhepunkt, wenn sie als Königin der Nacht förmlich vom Himmel fällt und eine Punkversion der Arie vorträgt. Ungemein verdichtet ist schließlich das Traumstück um die Kleine Nachtmusik von Peter Tscherkassky, eine Arbeit, die sich allein genügt: Am Anfang und Ende steht das Bild einer Eule, eine Frau dreht sich im Bett, dann geraten die Bilder durcheinander, verweisen auf ihre Materiali 6. Spalte tät und entfalten ihr sinnliches Wirken mit der in ihrer Harmonie gestörten Musik.

Natürlich erzeugen bei Weitem nicht alle Beiträge von The Mozart Minute die Intensität der hier genannten, das liegt schon an der Konzeption eines solchen Projekts. Durch die Bandbreite der kreativen Zugänge bleibt die Rolle allerdings sicher eines der gelungenen dieses Jahres.

Festival der möglichen Entdeckungen: Regisseur Andrew Bujalski

Neben den vielen Tributes verdankt Rotterdam seinen Ruf immer noch den möglichen Entdeckungen: Einer, der als solche bereits aus seiner Heimat angekündigt wurde, ist der US-Amerikaner Andrew Bujalski. Mit Mutual Appreciation zeigte der 28-Jährige nun seinen zweiten Film, in dem es um die Befindlichkeiten dreier junger Menschen geht und ihre Versuche, diesen zuallererst einmal verbal Ausdruck zu verleihen. Das Schöne ist, dass bei Bujalski tatsächlich noch geredet wird.

Man kann dabei zusehen, wie die Gedanken erst beim Sprechen entstehen, sich verirren, sich in Blicken verfangen. Die Handlung um einen Musiker, der mit Liedern, doch ohne Band nach New York kommt, ist nebensächlich. Sie verweist auf flexible Lebensentwürfe. Der Geist des US-Indie-Kinos von Cassavetes bis Linklater wird hier im Formalen noch einmal beschworen – und die "Quarter- Life"-Krise für spätere Jahre als Dokument archiviert. (DER STANDARD, Printausgabe vom 1.2.2006)

Von
Dominik Kamalzadeh
aus Rotterdam
  • Punks in der Michaelerkirche: "Drei, vier" - Sabine Derflingers Beitrag zum Kurzfilmprogramm "The Mozart Minute".
    foto: "the mozart minute" / derflinger

    Punks in der Michaelerkirche: "Drei, vier" - Sabine Derflingers Beitrag zum Kurzfilmprogramm "The Mozart Minute".

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