Räuberpistole

2. Februar 2006, 18:00
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Das Schnittenpackerl sei eine Bombe, sagte der Betrunkene - und forderte 50.000 Schilling

Es war vor zwanzig Jahren. Ungefähr. Vielleicht war es ja noch früher. Auf alle Fälle, meint R., sei die Sache schon so lange her, dass unsereiner – er meint damit, präzisiert er an einer anderen Stelle – die so genannte Internetgeneration, sich daran nicht erinnern kann. Und das, meint R., wäre schade. Schließlich gehe es auch darum, Geschichte immer an ihrem Umfeld zu messen. Und der Herr M., also der Saliera-Dieb, erklärt R., sei doch nur einer von vielen Wiener Missetätern, denen man nicht so richtig böse sein könne.

Er erinnere sich, schreibt R., da nämlich an einen anderen Fall. Der habe sich vor mindestens 20 Jahren zugetragen, sei zwar ganz anders gelagert als jener vom Salzfass, weise aber zumindest in der Rezeption beim Publikum Parallelen zur Saliera auf. Und soweit er sich erinnere, schreibt R., habe es sogar bei den Tätern Parallelen gegeben. Zum einen wegen der Initialen ­ M. hier wie da. Zum Anderen aber seien beide Täter „so komische Innenstadtfiguren gewesen“, meint R. Also Menschen, die in der Stadt und ihren Lokalen durchaus zu den bekannten und eingeführten Gesichtern gehört hätten. (Obwohl sich das im Nachhinien ja immer und über jeden ganz einfach behaupten lässt.)

Karikaturist

M., der Ältere, schreibt R., sei Maler gewesen. Oder Karikaturist. Oder so was Ähnliches. Und eines Tages sei er – angeblich sternhagelvoll, wie R., mehrfach ausufernd ausführt, „auch so eine Parallele“ - in eine Bank im ersten Bezirk einmarschiert. Und hat Geld gefordert. Weil sonst was passieren würde.

Zur Untermauerung seiner Entschlossenheit habe M. ein Packerl Schnitten auf die Budel geknallt. Manner. Rosa, mit Stephansdom drauf. Ungeöffnet. Das hier, habe M., erzählt R., gelallt, sei eine Bombe. Und er wolle jetzt 50.000 Schilling. Sofort. In kleinen Scheinen. Und zwar genau diese Summe. Sonst würden die Schnitten hoch gehen. Mit allen Konsequenzen.

Bewegungsmelder

Der Kassier wollte nichts riskieren – und zählte M. das Geld hin. M. nahm es – und verließ schwankend das Geldinstitut. Die Schnitten, so R., habe er zurück gelassen. Ohne etwas dazu zu sagen – aber das sei als Drohung aufgefasst worden: Schnitten mit Zeitzünder. Oder Bewegungsmelder. So in etwa halt.

Irgendwie, schreibt R. weiter, dürfte der betrunkene M. aber nicht wirklich vorsätzlich gehandelt haben. Jedenfalls habe er seine Flucht nicht besonders minutiös geplant. Und in Ermangelung eines vorbereiteten Fluchtwagens habe er sich dann vor der Bank ein Taxi heran gewunken: Der Fahrer möge ihn nach Hause bringen.

Festnahme

Dort wurde M. dann kurze Zeit später auch fest genommen: Der sturzbetrunkene Mann habe am Küchentisch gesessen, als die Wohnung gestürmt wurde. Vor ihm, erinnert sich R., sei die Beute aufgestapelt gewesen. M. habe keine Sekunde lang versucht, sich zu widersetzen oder zu fliehen – er habe tief und fest geschlafen. Man habe, so R., ziemliche Mühe gehabt, den Mann am überhaupt wach zu bekommen. Er wisse das, behauptet R. Schließlich sei er damals einer der M. festnehmenden Polizisten gewesen. Wenn man das in diesem Zusammenhang überhaupt so sagen könne.

Natürlich wurde M. dann der Prozess gemacht. Aber so wirklich böse, erinnert sich R., habe dem Bankräuber mit den Schnittenpackerl niemand sein können. Oder wollen. Irgendeine Strafe werde M. schon ausgefasst haben, aber allein die Tatsache, dass er sich an die Höhe nicht mehr erinnern könne, sage ja wohl schon einiges, meint R.

Beweismaterialvernichtung?

Eines, meint R., fände er schade: Er könne sich beim besten Willen nicht daran erinnern, was mit dem Schnittenpackerl passiert sei. Und heute, zwanzig Jahre später, fände er es plötzlich wahnsinnig wichtig zu wissen, ob es vom Entminungsdienst unschädlich gemacht wurde, in der Asservatenkamemr verschwand – oder gar vor Gericht geöffnet und seiner Bestimmung zugeführt wurde. Das wäre dann nämlich ein echt brillanter Schachzug der Verteidigung gewesen.

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