Billy Wilder: "Küss mich, Dummkopf"

3. Februar 2006, 23:30
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Einer der weniger bekannten Filme Billy Wilder, von der Kirche zensiert und von der Kritik im prüden Amerika der sechziger Jahre als Schmuddelwerk zerfetzt

Küss mich, Dummkopf ist einer der weniger bekannten Filme Billy Wilders. Von der Kirche zensiert und von der Kritik im prüden Amerika der sechziger Jahre als Schmuddelwerk zerfetzt, blieb diese moralische Komödie über die Unmoral lange Zeit verkannt. Selbst Wilder hielt keine allzu großen Stücke darauf und fand die Hauptrolle mit Ray Walston schlecht besetzt. So muss man den Film nicht nur gegen puritanische Anfeindungen, sondern gegen seinen Regisseur selbst verteidigen, der hier, dem spießigen Geist der Doris-Day-Komödien um Jahre voraus, mit anzüglichem Dialogwitz und bösem Charme die amerikanische Doppelmoral höchst unterhaltsam entlarvt. Wobei er eine Liebe zu seinen fehlerhaften Figuren entwickelt, wie nur ein großer Menschenfreund und Schauspieler-Regisseur es vermag.

Im Grunde ist „Kiss Me, Stupid“ das zugespitzte Pendant zu Wilders vorhergegangenem Film „Irma La Douce“, in dem sich ein kleiner Polizist in eine Prostituierte verliebt und sich für sie als reicher Freier inszeniert. In „Küss mich, Dummkopf“ treibt Wilder diese Idee weiter: Da tauscht ein Ehemann seine Frau gegen eine Nutte ein, um mit ihrer Hilfe einen berühmten Schlagersänger und Schürzenjäger zu einem Geschäft zu verführen, dabei aber moralisch sauber zu bleiben.

Gleichzeitig ist diese Ehebruch-, Provinz- und Musik-Komödie, die in einem Kaff namens Climax spielt, aber auch ein Film über den Mythos Hollywood selbst, über Starkult, Käuflichkeit und die Sehnsucht nach Glamour. Denn der coole Frauenheld Dino, den es eines Tages in das Nest verschlägt – ideal besetzt mit Dean Martin, der sich hier ironisch selbst porträtiert –, ist im Showbiz eine große Nummer. Die beiden Songschreiber Barney Millsap (Cliff Osmond) und Orville N. Spooner (Ray Walston), der eine Tankwart, der andere ein schrulliger Klavierlehrer, wittern ihre große Chance. Sie drechseln was an Dinos Auto, damit dieser über Nacht bleiben muss, und arrangieren ein Dinner im Hause Spooner, um ihre (duchaus stimmungsvollen) Songs an den Mann zu bringen.

Die eigene Frau aber soll dem Hollywood-Lüstling nicht in die Hände fallen, deshalb engagiert Spooner Polly the Pistol, eine blonde Wuchtbrumme, die dem Star Lust machen soll. Wie die großartige Kim Novak sich diesen Auftrag – buchstäblich – zu Herzen nimmt und eine Nacht lang die Ehefrau in sich entdeckt, während die wirkliche Mrs. Spooner (Felicia Farr) an Pollys Stelle ausgerechnet Dino als Freier empfängt, ist von süffisantem Wilder-Witz und voll brillanter Details. (DER STANDARD, Printausgabe)

Von Christine Dössel
  • Artikelbild
    foto: süddeutsche cinemathek
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