Nicolas Roeg: "Wenn die Gondeln Trauer tragen"

3. Februar 2006, 23:40
posten

Ein Film mit der tiefen Reflektion über das grundsätzliche Zusammensein und Getrenntsein von Mann und Frau

Horrorstories pressen die Welt durch ein sehr enges Nadelöhr. Im Brennspiegel des Genres schrumpft der Kosmos auf zwei Dimensionen zusammen, auf Gut und Böse, auf Vampire, Untote, Monster, die gegen unsere normale Welt antreten. Aber große Schriftsteller verweben diese gegensätzlichen Welten untrennbar. Im Fall von Daphne du Mauriers Novelle „Don’t Look Now“ irrt ein englisches Ehepaar durch Venedig, immer noch unbewusst auf der Suche nach ihrer vor Jahren zu Hause ertrunkenen kleinen Tochter. Diese Suche wird mehr und mehr zu einer Suche der beiden nach sich selbst, und sie scheinen sich dabei wie Züge, die nebeneinander herfahren, beständig anzunähern und zu entfernen.

Am Ende verfolgt der Mann die vermeintliche Erscheinung seiner toten Tochter bis in eine kleine, düstere Kirche der morbiden Stadt. Das Kind entpuppt sich aber als eine sehr reale mörderische Zwergin, die sich in die Enge getrieben fühlt und ihn umbringt. Im langen Moment seines Verblutens versteht er erst jetzt, dass alle Visionen, die ihn in Venedig beunruhigt hatten, vorausschauende Blicke auf seinen eigenen Tod waren. Er hatte die Gabe des zweiten Gesichts und er wusste es nicht. Schon diese tragische Konstruktion der Geschichte lässt sie über klassische Geistergeschichten hinausragen.

Was der englische Ex-Kameramann Nicolas Roeg dann 1973 daraus machte, ist ein Höhepunkt des europäischen Kinos geworden, einer der schönsten, traurigsten und verwirrendsten Filme der ohnehin glorreichen siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Roeg schuf einen Traum aus Blutrot, aus Scherben der Erinnerung und aus Splittern von Glas, eine Mischung von Psychotrip und verfilmtem Existenzialismus. Roeg ist ein bis heute weitgehend unterschätzter Regisseur, der sich allein mit seinen ersten sechs Filmen einen eigenen Kontinent der Filmgeschichte eroberte.

Bei „Don’t Look Now“ hatte er mit Donald Sutherland und Julie Christie auch noch zwei große Stars zur Verfügung, die mit ihrer Präsenz und ihrem Spiel dem Film eine zusätzliche Aura von erwachsener Melancholie verliehen. In einer berühmt gewordenen Liebesszene des Ehepaars entsteht die Erotik erst allmählich aus einer ganz banalen nachmittäglichen Hotelzimmersituation. Und je weiter die Szene geht, umso heftiger schneidet Roeg Vergangenheit und Zukunft dieses kleinen Moments der körperlichen Liebe unmittelbar aneinander. Die überraschend wiedererwachte Sehnsucht eines Ehepaars nacheinander und das jeweilige Alleinsein der beiden nach der Liebe werden so untrennbar miteinander konfrontiert und verbunden. Allein diese Szene führt den Film über sein Genre weit hinaus und macht ihn zu einer tiefen Reflektion über das grundsätzliche Zusammensein und Getrenntsein von Mann und Frau. (DER STANDARD, Printausgabe)

Von Dominik Graf
  • Artikelbild
    foto: süddeutsche cinemathek
Share if you care.