Paul Thomas Anderson: "Magnolia"

3. Februar 2006, 23:37
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Einen höllischen Spaß macht sich Regisseur P. T. Anderson daraus, in diesem Film die aller­un­wahr­schein­lichsten Begeben­heiten in eine ganz und gar zwingende Logik zu binden. Schicksal? Zufall?

Ein Katastrophenfilm der ganz besonderen Art, ein Bericht zur Lage der Nation anhand ihrer Neurosen und Psychosen. Schauplatz: das San Fernando Valley, eines der Zentren amerikanischer Depression.

Einen höllischen Spaß macht sich Regisseur P. T. Anderson daraus, in diesem Film die allerunwahrscheinlichsten Begebenheiten in eine ganz und gar zwingende Logik zu binden. Schicksal? Zufall? Egal, das Leben schreibt ohnehin die irrwitzigsten Geschichten! Und von Wahrscheinlichkeit reden wir später.

An die zwanzig Menschen bevölkern diesen sehr, sehr langen Tag im Valley, zwanzig Monaden, die vor sich hinleben und deren Existenzen dennoch auf eigenartige Weise ineinander verstrickt sind. Jede Menge traumatisierter Kinder und von Schuldgefühlen geplagter Väter, Erbschleicher, Ehebrecher und Kinderschänder, Todkranke und Sterbenselende, Aufmerksamkeitssüchtige und Karrieregeile, die sich im modernen Medien-Sodom-&-Gomorra von Fernsehen und Quizshow tummeln. Und überall: eine himmelschreiende Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit.

Natürlich denkt man, angesichts der Konsequenz, mit der hier die Lebensfäden dieser traurigen Helden festgezurrt werden, an Robert Altmans „Short Cuts“, das Meisterstück des Beziehungskaleidoskop-Kinos. Doch während Altman die lässige Eleganz der reifen Jahre demonstrierte, baut Anderson auf den Sturm und Drang der Jugend. Statt sich beiläufig in den Alltag dieser gebeutelten Wesen einzuklinken, erzeugt er den Sog einer Achterbahn übersteigerter Gefühle. Eine erregende Energie verströmt dieser Film, die die Menschen zu tickenden Zeitbomben werden lässt: Das Wunderkind der Quizshow, das auf jede Frage die Antwort weiß, aber zugrunde geht, weil man ihm den erlösenden Gang zur Toilette verweigert. Die angespannte junge Ehefrau, die das Siechtum ihres sterbenden alten Mannes begleitet. Die drogensüchtige junge Frau, die auf Selbstzerstörungskurs sich befindet. Ein Spieler, der mit absurder Unbelehrbarkeit seine letzte Chance wahrnehmen will. Und ein in allen Medien präsenter Guru männlicher Selbstgefälligkeit, der von seiner eigenen Verletzlichkeit eine Ahnung bekommt.

Erlösung ist möglich, das zeigt sich am Ende, für all diese armen Wesen – aber es muss eine Plage von biblischem Ausmaß auf die Erde niederkommen, und von der Dimension eines Hollywood-Katastrophenfilms. (DER STANDARD, Printausgabe)

Von Anke Sterneborg
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    foto: süddeutsche cinemathek
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