Bernardo Bertolucci: "Der letzte Tango in Paris"

3. Februar 2006, 23:44
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Ein grandioser Skandalfilm. Er beflügelte Kritiker zu Lobeshymnen und rief die Zensoren auf den Plan

Ein grandioser Skandalfilm. Er beflügelte Kritiker zu Lobeshymnen: „Der kraftvollste erotische Film, der je gedreht wurde“ (Pauline Kael), und rief die Zensoren auf den Plan: „Obszöner Inhalt, der das sittliche Empfinden beleidigt, der die niedersten Libido-Instinkte anspricht und sich mit obsessiver Selbstgefälligkeit präsentiert.“ Ein Gericht in Bologna befahl die Vernichtung der Kopien, verurteilte Bertolucci zu einer viermonatigen Haftstrafe auf Bewährung und zur Aberkennung der Bürgerrechte auf fünf Jahre. Alberto Moravia bewunderte den „Tango“ als freudianischen Pas de deux von Eros und Thanatos, Norman Mailer bemerkte kühl, dass der Thrill des Films in seiner Schlüsselloch-perspektive auf den sich entblößenden Hollywoodstar Marlon Brando bestehe: „Die Masse hat ihren Spaß daran, wenn eine Berühmtheit auf der Leinwand obszön ist.“

Brando als einsamer, verzweifelter, alternder Amerikaner in Paris namens Paul, dessen Frau vor kurzem Selbstmord begangen hat. Auf Wohnungs¬suche trifft er in einem leergeräumten Apartment eine junge Frau: Jeanne (Maria Schneider), die mit einem banalen Jungfilmer (Jean-Pierre Léaud) verlobt ist. Paul und Jeanne fallen übereinander her und begegnen sich drei Tage lang in der labyrinthisch anonymen Apartment-Höhle zu einer Choreographie des Begehrens, für die der Mann die Regieanwei-sungen gibt: keine Namen, keine Außenwelt, kein Gefühlsfirlefanz, nur Sex, provokant gesteigert ins Obszöne, Sadomasochistische.

Paul könnte Jeannes Vater sein, und Bertolucci entfaltet das ödipal-narzisstische Spiel, das er immer sucht, aber nie so rückhaltlos wagte: sexualisiertes Fleisch, hermetischer Raum, entgrenztes Begehren. Eine Versuchsanordnung, in der sich auch die Grenzen zwischen den Darstellern und ihren Rollen verwischen. Brando, der kurz zuvor noch den Paten Don Vito Corleone in Francis Coppolas „Godfather“ verkörperte, muss hier alles imposant Patriarchale abstreifen, und er tut das mit rabiat-großartiger Geste. Maria Schneider hält mit ihrer unbefangenen Lolitahaftigkeit tapfer dagegen. Bertolucci komponiert seine Suche nach dem Rohen und Unverstellten in kunstvollen Arrangements der Maskierung/Demaskierung. Was 1972 schockieren mochte: der entperso¬nalisierte Sex, die tote Ratte, die zotigen Bannflüche gegen alles, was der bürgerlichen Gesellschaft heilig ist – all das erscheint heute eher als anrührend-verzweifeltes Ingredienz einer ins Unbedingte aufgespannten romantischen Amour-Fou-Idee. (DER STANDARD, Printausgabe)

Von Rainer Gansera
  • Artikelbild
    foto: süddeutsche cinemathek
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