Stanley Kubrick: "Uhrwerk Orange"

3. Februar 2006, 23:38
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Der Film ist der einzige theologische Traktat, der je verfilmt wurde und im Kino auch noch erfolgreich war

„Uhrwerk Orange“ ist der einzige theologische Traktat, der je verfilmt wurde und im Kino auch noch erfolgreich war. In der frühchristlichen Theologie tobte zwischen den Kirchenlehrern Augustinus und Pelagius ein erbitterter Streit darum, ob der Mensch überhaupt frei sei.

Der katholische Schriftsteller Anthony Burgess löste die Streitfrage in seinem Roman auf überraschende Weise: Zwar werde der Mensch mit der Erbsünde geboren, es bleibe ihm aber die Freiheit, sich für das Gute oder doch für das Böse zu entscheiden.

Alex ist der klassische jugendliche Straftäter, um den sich die Sozialarbeiter seit Jahrzehnten sorgen. Er arbeitet nicht, geht seinen Eltern auf die Nerven und schlägt sich durchs Leben. Er schart eine Bande von „droogs“ um sich und terrorisiert Alte und Schwache, bedroht harmlose Bürger und vergewaltigt ihre Frauen. Nur in einem unterscheidet er sich vom vertrauten Alptraum: Er kann nicht leben ohne die Musik Ludwig van Beethovens. Nach einem Mord wird er eingesperrt und seinerseits Opfer einer neuartigen Therapie, die ihm seine ganzen schlechten Eigenschaften austreiben soll. Am Ende verabscheut er Sex ebenso wie Gewalt und wird keiner Fliege mehr was zu Leide tun. Aus Versehen, und weil totalitäre Systeme zur Gründlichkeit neigen, wird ihm auch noch die Liebe zur Musik ausgetrieben. Endlich ist auch Alex ein guter Mensch, aber aufgezogen wie ein Uhrwerk, die ultimative Dialektik der Aufklärung, nämlich ein Monster. Dennoch ist hier, soviel Kunst muss doch sein, das letzte Wort nicht gesprochen.

Als „Uhrwerk Orange“ 1972 herauskam, gab es in England Übergriffe von Jugendlichen, und die Täter beriefen sich auf den Film: nicht sie wären schuld, sondern der böse Regisseur. Schließlich war Kubrick die Vorwürfe leid und bat Warner, den Film wenigstens in England aus dem Verleih zu nehmen. Fast drei Jahrzehnte existierte er dort nur mehr als Gerücht, als die Geschichte von dem Rüpel, der um sich schlägt, mordet und vergewaltigt und dazu Gene Kellys „Singin’ in the Rain“ trällert.

„Uhrwerk Orange“ ist gewiss einer der gewalttätigsten Filme, die je gedreht wurden, aber wahrscheinlich gibt es auch keinen anderen Film, der mit solcher Konsequenz Gewalt zur reinen Kunst stilisiert. Und, ja doch, am Ende ist Alex geheilt. Freude, schöner Götterfunken! (DER STANDARD, Printausgabe)

Von Willi Winkler
  • Artikelbild
    foto: süddeutsche cinemathek
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