René Clément: "Nur die Sonne war Zeuge"

3. Februar 2006, 16:51
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Ein mittelloser Hochstapler, ein reicher Nichtstuer, eine schöne Frau und ein beinahe perfekter Mord: Mehr braucht es nicht für diesen meisterhaft inszenierten Thriller

Ein mittelloser Hochstapler, ein reicher Nichtstuer, eine schöne Frau und ein beinahe perfekter Mord: Mehr braucht es nicht für diesen meisterhaft inszenierten Thriller, dessen sommerliche Postkartenszenerien zwischen Rom und der Amalfi küste ein trügerisch schönes Bild vorgaukeln, wo doch das menschliche Strandgut in diesem Psychodrama längst nur noch Neid, Gier und Zynismus als Antriebsfedern kennt. Und haben sich die Bohemiens einmal eingeschifft, gibt es kein Zurück mehr in diesem Spiel zwischen Lust, Zerstörung und Camouflage – das Drama nimmt seinen Lauf, als eine Luxusyacht ablegt, um unter einer unbarmherzigen Sonne im Mittelmeer zu kreuzen ...

Die Verheißung des Glücks, das der Reichtum vorgaukelt, ist von Anfang an korrumpiert: Philippe Greenleaf (Maurice Ronet), der Yachtbesitzer, gehört zu der Sorte Dauertouristen, die weniger Wohlhabende mit Verachtung strafen. Das bekommt vor allem Tom Ripley zu spüren, der von Greenleaf, bei aller Kumpanei – sie marodieren durchs nächtliche Rom, bestechen einen Bettler und betrügen aus reinem Vergnügen willenlose Frauen – als Laufbursche am Gängelband gehalten wird.

Ripley ist von Greenleafs Vater über den großen Teich nach Europa geschickt worden, um den zügellosen Draufgänger nach Hause zurückzuholen. Belohnung: 5000 Dollar. Der junge Alain Delon spielt den aufstrebenden, gewissenlosen Studenten Tom Ripley mit einer unterkühlten Eleganz, die ihn schlagartig berühmt machte: Hinter seiner anbetungswürdig schönen Fassade – selbst in der sengenden Sonne schwitzt er nie – ist Delons Ripley ein moderner Dorian Gray, ein Narziss und Psychopath, der ohne Skrupel die Identität eines anderen annimmt, um an sein Geld und an seine Verlobte (Marie Laforêt als Marge) zu kommen. Selbst Patricia Highsmith, die mit „Der talentierte Mr. Ripley“ die Romanvorlage für René Cléments Film lieferte, sah Delon als Idealbesetzung für ihre Lieblingsfigur an.

Ripley schreckt selbst vor Mord nicht zurück, um seine Pläne zu verwirklichen: Cléments Adaption von Highsmiths Romans ist auch eine Moritat über Standesbewusstsein und über das Scheitern des Versuchs, die eigene Herkunft abzustreifen. Am Ende, als Ripley sich schon am Ziel seiner Wünsche wähnt, siegt schließlich wieder die Kino-Moral. Ripley bleibt, so Clément, „die Ratte, die an den Käsestückchen schnuppern durfte“. (DER STANDARD, Printausgabe)

Von Holger Liebs
  • Artikelbild
    foto: süddeutsche cinemathek
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