Quentin Tarantino: "Jackie Brown"

3. Februar 2006, 16:22
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Im Tarantino-Universum mit Filmen wie „Pulp Fiction“ und „Kill Bill“, fällt ein fast schon bedächtig anmutendes Werk auf: „Jackie Brown“

Im Tarantino-Universum mit Filmen wie „Pulp Fiction“ und „Kill Bill“, die sich allesamt einer genial komplexen, ständig zitierenden und doch genuinen Erzählweise bedienen, die in einzigartiger drastisch/lässiger Art Gewalt inszenieren, fällt ein fast schon bedächtig anmutendes Werk auf: „Jackie Brown“.

Jackie Brown (Pam Grier), eine 44-jährige schwarze Stewardess, wird am Flughafen L.A. wegen eines Umschlags, der 50 000 Dollar und ein Tütchen Kokain enthält, festgenommen. Die Drogen waren eine Draufgabe, von der sie nichts wusste, und ihr droht eine mehrjährige Haftstrafe. Ordell (Samuel L. Jackson), der eigentliche Empfänger des Umschlags, holt sie gegen Kaution aus dem Gefängnis. Jackie geht einen Deal mit den Ermittlern ein, bei einer inszenierten Geldübergabe soll sie Ordell auffliegen lassen. Sie schafft es mit einem ausgeklügelten Coup, Polizei und Gangster gegeneinander auszuspielen und selbst davonzukommen – mit rund einer halben Million Dollar im Gepäck ...

Zum Auftakt sehen wir sie in einer langen seitlichen Kamerafahrt, wie sie auf einem Förderband auf dem Weg am Flughafen entlanggleitet, hören dazu den Song „Across 110th Street“ von Bobby Womack. Jackie Brown ist eine Hommage an die afroamerikanische Kultur der Siebziger, deren Musik und vor allem: das Blaxploitation Kino und seine Königin Pam Grier – dies zitiert dieser filmische Anfang. Einer ihrer damaligen Filme, „Foxy Brown“, beginnt auch ganz auf sie fokussiert mit einem Augenzwinkern, das sie der Kamera zuwirft, um danach sehr sexy zu einem Soulstück zu tanzen. In diesem Film war Pam Grier noch mit der Waffe in der Hand unterwegs, um in Actionmanier Drogendealer zur Strecke zu bringen. Als Jackie Brown ist sie Foxy Brown 20 Jahre später: immer noch kämpferisch, clever und ,streetwise‘.

Jackie Brown ist ein richtiger Schauspielerfilm, der sich Zeit nimmt und seine Figuren auf liebevolle Art begleitet. Das Herz des Films sind unvergessliche Szenen wie jene zwischen Jackie und ihrem Kautionsmakler Max Cherry (Robert Foster), als er sie zu Hause besucht, sie hören einen Delfonics-Song, es folgt ein wunderbarer Dialog über das Älterwerden: Die beiden flirten über Haarausfall und Figurprobleme und darüber, ob man in der Mitte des Lebens nochmal von vorne anfangen kann und will. Max kauft sich eine MC mit dem Song der Delfonics, der seine weiteren Autofahrten begleitet und ihn zu ihrem Komplizen macht. Selten ist Popmusik im Film schöner und souveräner zitiert worden. Und was die Musik und die guten alten analogen Tonträger anbelangt, wird Jackie gewiss nicht mehr von vorn anfangen. (DER STANDARD, Printausgabe)

Von Maria Köpf
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    foto: süddeutsche cinemathek
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