Hal Ashby: "Harold und Maude"

3. Februar 2006, 23:29
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Wer nicht weiß, warum die siebziger Jahre auch komisch, herzerwärmend und großartig waren, kann es in diesem Film lernen

Hal Ashby wurde 1929 in Ogden im US-Bundesstaat Utah als jüngstes von vier Kindern einer mormonischen Familie geboren. Als Ashby zwölf war, brachte sich sein Vater um und Hal fand die Leiche. Mit knapp 20 haute Ashby ab nach California, wo er über das Arbeitsamt einen Hilfsjob bei der Universal fand. Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte und hat dazu geführt, dass der Regisseur Hal Ashby, der 1988 an Krebs starb, der Welt zwei der schönsten traurigen Filmkomödien überhaupt hinterlassen hat. Die eine ist „Being There“ (Willkommen, Mr. Chance, 1979) mit dem verehrungswürdigen Peter Sellers. Die andere ist „Harold and Maude“ aus dem Jahr 1971. Harold, gespielt von Bud Cort, ist ein junger Bursche, der vaterlos an der Seite einer ebenso reichen wie schrecklichen all-American Mutter aufwächst. Maude (Ruth Gordon) ist eine fast achtzigjährige, ziemlich lockere Dame, die in einem Eisenbahnwaggon lebt und deren Persönlichkeit irgendwo zwischen Claudia Roth und Luise Rinser mit einem Schuss Stefan Raab angesiedelt ist.

Ashby treibt im besten Sinne des Begriffes mit dem Entsetzen Spott. Harold nervt seine Mutter durch zahlreiche Selbstmordinszenierungen, die einen, denkt man an Ashbys Biografie, nicht immer ganz laut lachen lassen. Weil Harold vom Tod so fasziniert ist, geht er gerne auf Beerdigungen fremder Leute. Maude tut das auch, aber eher weil sie den Tod durchaus auch zum Lachen findet. Wie es so sein muss, verliebt sich der morbid-melancholische Harold in die 60 Jahre ältere, fröhlich-morbide Maude. Für ein paar Tage, eigentlich nur einen Wimpernschlag lang, bilden die beiden eines der romantischsten Paare der Filmgeschichte.

Wer nicht weiß, warum die siebziger Jahre auch komisch, herzerwärmend und großartig waren, kann es in diesem Film lernen. Ashby feiert die Liebe und verhöhnt tongue in cheek das Establishment. Harolds Umbau eines von der Schreckschrauben-Mutter geschenkten wunderbaren Jaguar E in einen noch wunderbareren Leichenwagen ist ein Frontalangriff auf die amerikanische Status-Kultur. Mindestens genauso komisch ist Harolds Onkel, ein General, der mit seinen Schulterstücken denkt und die ganze Blödheit eines in der Uniform erstarrten Großpatriotismus verkörpert.Ja, Harold and Maude ist auch irgendwie ein Hippiefilm. Cat Stevens, heute islamischer Fundamentalist, singt und während die DVD läuft, wünscht man sich, dass Harold mit Maude ein wenig mehr von jener Zeit haben könnte, die Maude schon ohne Harold gehabt hat. Aber wenn es so gekommen wäre, dann wäre „Harold and Maude“ ja nur irgendein Liebesfilm geworden. (DER STANDARD, Printausgabe)

Von Kurt Kister
  • Artikelbild
    foto: süddeutsche cinemathek
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