Arthur Penn: Bonnie und Clyde

3. Februar 2006, 16:03
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Der Regisseur widersetzte sich dem Production Code, der besagt, Gewalt in Filmen nicht detailgetreu zu zeigen und „Violence should shock“ wurde zum neuen Motto der Filmszene

Von 1930 bis 1966 bestimmte ein von der amerikanischen Filmindustrie selbst auferlegter Production Code, was in Filmen wie dargestellt werden durfte. Bei einem Verbrechen zum Beispiel sollte das Töten nicht im Detail gezeigt werden, ein Mord nicht verherrlichend wirken und Waffen sollten sparsam eingesetzt werden. 1967 sprengen die Dollar-Western von Sergio Leone, das Weltkriegsdrama „Das dreckige Dutzend“ von Robert Aldrich und besonders Arthur Penns „Bonnie and Clyde“ mit ihrer expliziten Darstellung von Gewalt einige dieser Codes und entfachen, aufgeladen durch die Kassenerfolge, heftige Kontroversen. Nie zuvor hatte man, wie jetzt bei Penn, den Einschlag einer Kugel in den menschlichen Körper, das Sterben im Kugelhagel – parallel mit mehreren Kameras und unterschiedlichen Geschwindigkeiten gedreht – so detailliert in einem Film aus Old Hollywood gesehen. „Violence should shock“, war Penns Motto, und nicht nur die Figuren, sondern auch die Zuschauer sollten „getroffen“ werden. Für den einflussreichsten Kritiker der USA, Bosley Crowther von der New York Times, waren die Filme „dekadent und gefährlich wie LSD“. Er war alarmiert, wie Filmemacher und Zuschauer sich darauf einigten, dass „Töten Spaß sei“.

Der Kritiker von Newsweek sah in „Bonnie and Clyde“ ein „armseliges Geballere für Schwachsinnige“, eine Woche später revidierte er sein Urteil und war jetzt überzeugt, dass „gewalttätige Filme eine unausweichliche Konsequenz gewalttätigen Lebens“ sind. Der Film traf den Nerv der Zeit. Die Fernsehbilder vom Krieg in Vietnam, die politischen Morde und sozialen Unruhen in den Städten wurden in Bezug gesetzt zur Radikali-sierung der Gesellschaft während der Großen Depression Anfang der dreißiger Jahre, als die frisch verliebten Bonnie Parker und Clyde „Champion“ Barrow begannen, ihren eigenen New Deal aus Bankraub, Entführung und Autodiebstahl umzusetzen. Die dreizehnfachen Mörder aus Texas, 1934 im Alter von 24 und 25 Jahren von einem Ambush Team der Polizei erschossen, wurden zu Ikonen der Gegenkultur der sechziger Jahre; es gab den Bonnie-Look mit Baskenmütze und Maxi-Rock und die eigene Opferinszenierung wird heute noch besungen, zuletzt von Jay-Z und Beyoncé Knowles. Bei der so genannten RAF-Ausstellung in Berlin „Zur Vorstellung des Terrors“ präsentierte eine universitäre Forschungsgruppe im Eingangsbereich Publikationen zum Thema der Ausstellung. Eine DVD des „Gangsterfilms“ „Bonnie and Clyde“ stand auch im Regal. Ob Andreas Baader Autos klauen wollte wie Clyde und Gudrun Ensslin Gedichte schreiben wie Bonnie, konnte man in der Ausstellung nicht erfahren. (DER STANDARD, Printausgabe)

Von Romuald Karmakar
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    foto: süddeutsche cinemathek
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