Eine Vaterfigur der Medienkunst ist tot: Nam June Paik 1932-2006

9. Februar 2006, 13:55
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Über Komposition kam Paik zu Fluxus- und Performance-Kunst: Sonys erstes tragbares Videogerät lieferte die Grundlage für sein Multimedia-Werk

Miami - Es war an Wolf Vostell gelegen, Nam June Paik, seinen Kollegen im Fluxus, nach einer detaillierten Biografie zu fragen. Und Paik sollte sich bemühen, dem Begehr möglichst genau zu entsprechen: "1931, September, wurde ich in meiner Mutter Gebärmutter empfangen während des Koitus von meiner Mutter und meinem Vater. 1932, 20. 7., Tag des (Anm.: späteren) Aufstands gegen Hitler, wurde ich in Seoul/Korea als Sohn meines Vaters und meiner Mutter und gleichzeitig Enkelkind meiner Großmutter und meines Großvaters geboren. Es war 17. Juni im Luna-Kalender (Tag des Aufstands gegen Stalin). Zu Hause habe ich meinen Geburtstag nach altkoreanischer Sitte am 17. Juni nach dem Luna-Kalender gefeiert, und in der Schule und im Passport steht der 20. Juli als offizielles Geburtsdatum. Ich ziehe dieses Datum vor, weil, wenn das deutsche Volk mehr gegen Hitler gewesen wäre, das teure Blut gegen Stalin nicht notwendig gewesen wäre. Daher sollten beide Tage zu Nationalfeiertagen bestimmt werden, und nicht NUR der 17. Juni wie heute."

Vor 20 Jahren ist Joseph Beuys gestorben, Paiks Freund. Kunst, waren die beiden sich einig, verfolgt einen gesellschaftlichen Auftrag. Daher muss Kunst auf allen Ebenen zum Einsatz gebracht werden - breitbandig: die Unikat-Produktion kann und darf in keinem Widerspruch zur Nutzung von Massenmedien stehen, die Arbeit im Stillen nicht den öffentlichen Auftritt beschränken.

Das Beuys'sche Aquarell, dessen Arbeit an der Honigpumpe, die Basaltblöcke nebst 7000 Eichen für Kassel, der Auftritt mit dem Kojoten in Amerika, der Einsatz für Basisdemokratie und die grüne Idee sind untrennbar miteinander verbunden, Teil der selben Absicht, die behauptet, die feste Ordnung des Gesellschaftskörpers von vielen Angelpunkten aus gleichzeitig zu unterminieren.

Beuys sagte Wirtschaftswerte zu DDR-Produkten, und ebenso zeitverzögert wie gnadenlos schlug das System zurück und versteigerte die signierten Seifen und Teebeutel für pervers vielstellige Dollarbeträge. Und Nam June Paik installierte 1977 zur documenta 6 einen Videodschungel, eine massentaugliche Zusammenfassung seiner Überlegungen zu Fernsehen und zu Charlotte Moorman. Multi-TV begann mit drei übereinander gestapelten Monitoren, die so die Form jenes Cellos ergaben, auf dem Moorman dann - samt rotierenden Propeller-Objekten auf den Brüsten - spielte. Schirmhäufungen konnten aber ebenso die Zeugungsunterlage "Bett" wie den Humus eines Tropenwaldes geben, wie sie - ihrer Röhren entledigt - auch zum Fischbassin mutierten; Sonatine für Goldfisch kam mit der Sammlung Hahn ins Wiener Museum Moderner Kunst.

In jenes Museum, zu dessen Eröffnung Paik 1979 ob seiner schleißigen Optik polizeilich der Eintritt verwährt wurde. Und dabei war es sicherheitstechnisch ziemlich wichtig, dass dem Vater der Medienkunst schließlich doch Einlass gewährt wurde: Gerade bei einem seiner Objekte lag eine Spule, blank und unter Hochspannung. Der Paik'sche Schal, vom Meister selbst um das potenziell letal schlagende Element gewickelt, ersetzte provisorisch, das später angebrachte Schutzplexiglas.

"Video-Buddha"

Nicht Paiks erster Auftritt in Österreich: Richard Kriesche brachte ihn 1973 ins Forum Stadtpark nach Graz. Und trotz der vielleicht 15 Besucher beim Vortrag des Schöpfers von Video-Buddha (Ein Buddha meditiert in Realzeit vor seinem eigenen Abbild) markiert der Auftritt eine wesentliche Prägung der noch frühpubertären heimischen Medienkunstszene.

Bei Nam June Paik selbst hat alles mit Musik begonnen: In eine wohlhabende koreanische Familie geboren, wächst er mit Klavier- und Kompositionsunterricht auf und beendet sein Studium der Musikwissenschaften mit einer Arbeit über Arnold Schönberg. Beim Darmstädter Avantgardemusikfestival Internationale Ferienkurse für Neue Musik trifft Paik auf John Cage. Seine Hommage à John Cage: Music for Tape Recorder and Piano, am 13. November 1959 in der Düsseldorfer Galerie 22, wird zum Eintrittsticket in eine (Fluxus-)Kunstwelt zwischen Performance und Objekt. Die Internationalen Festspiele Neuester Musik 1962 im Städtischen Museum Wiesbaden listen Paik schon zwischen Größen wie Robert Filiou, Wolf Vostell oder Emmett Williams.

1965 brachte Sony mit Portapak die erste (relativ) tragbare Einheit von Videokamera-und Rekorder auf den Markt, für Paik die Stunde, "zurückzuschlagen", fortan sein eigenes Fernsehen zu machen, die Technik des Imperiums gegen das Imperium einzusetzen.

Zumindest bis in die Mitte der 90er sollte Paik sich souverän jeden weiteren Technologiesprung aneignen. Schnitttechniken und vor allem die Möglichkeiten zu Bildverfremdung und virtueller Collage gaben ihm das Rüstzeug, "Botschaft" als kurzweiligen Werbeclip zu tarnen, dem intellektuellen Zitat als Videoanimation eine nie da gewesene Streuung zu geben. Seit einem Schlaganfall 1996 war Paik auf einen Rollstuhl angewiesen. Am Montag vermeldete die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap seinen Tod in Miami. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.1.2006)

Von Markus Mittringer

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Paik Studios

Die wichtigsten Werke von Nam June Paik

Von Aktionsmusik bis zum globalen Live-Happening
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    Paiks Roboter-Familie von 1986 "Tante" (li.) und "Onkel" im Lehmbruck-Museum in Duisburg.

  • Eine der zentralen Künstlerpersönlichkeiten des beginnenden "Medienzeitalters" ist tot: Nam June Paik.
    foto: deu/berlin

    Eine der zentralen Künstlerpersönlichkeiten des beginnenden "Medienzeitalters" ist tot: Nam June Paik.

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