Das Salzfass

1. Februar 2006, 10:59
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Der Mann mit der Wünschelrute, sagte die Frau auf der Party, habe genau dort, wo die Saliera gestanden habe, seines Amtes gewaltet. Im Auftrag des Museums.

Es war am Wochenende. Und natürlich habe ich meine Zweifel. Andererseits ist diese Zone als Geschichten-Eck ausgewiesen. Und andererseits haben sich in der Burleske rund um das Museums-Salzfass immer dann, wenn es um die Vorgänge im Museum ging, die allerunglaubwürdigsten Seltsamkeiten als das herauskristallisiert, was der Wahrheit am nächsten kommt – auch dann, wenn es sich (vor allem übers Wochenende) nicht nachprüfen lässt.

(Einschub: Drittens gilt die Devise, sich durch Recherchen auf gar keinen Fall eine gute Geschichte kaputt machen zu lassen - auch dort, wo man sich im Editorial am lautesten rühmt, die besten der Journalisten zu den unvoreingenommensten Recherchearbeiten ausgeschickt zu haben und beim veröffentlichten Ergebnis ungeachtet des Sensationswertes nur auf Fakten geachtet zu haben. Also wozu die Selbstkasteiung? Eben. Einschub Ende.)

Salierageblödel

Denn natürlich haben wir auf der Geburtstagsparty über die Saliera geplaudert. Darüber, ob M. nun ein Held, ein Depp oder beides sei. Aber nachdem auch das Thema „Pierce Brosnan für Arme“ abgehandelt war (inklusive Debatten, wo wohl die urheberrechtlichen und tantiemenrelevanten Probleme beginnen könnten, wenn sich T-Shirts mit M.s Konterfei gut verkaufen, wer in der Verfilmung wohl die Rolle des Museumsdirektors und Buffos S. spielen sollte und wie man in zivilisierten Demokratien die Rolle der G. erklären könne, ohne rot zu werden), erzählte die Frau mit der Bierflasche ihre Geschichte.

Ich kannte die Frau nicht. Sie war von einem Bekannten der Gastgeber mitgenommen worden. Sie hatte bisher auf einem Küchenhocker gesessen und kaum ein Wort gesagt. Sie arbeite, eröffnete sie, im Reich des Buffos. Und könne bestätigen, dass alles, was man sich in den letzten Jahren über Museum und Chef erzählt habe, wahr sei. Noch nicht einmal die ganze Wahrheit. Aber dazu – sie öffnete eine neue Flasche – vielleicht ein anderes Mal.

Maggi-Set-Suche

Heute wolle sie zwei Histörchen erzählen (und sie wisse nicht, ob nicht zumindest eine davon eh allen bekannt sei – aber egal): Zum einen habe man im Museum noch lange – sehr, sehr lange; vielleicht, meinte sie, habe es ja bis zum Auffinden des Kleinods Menschen gegeben, die daran immer noch geglaubt hätten – vermutet, dass die antike Maggi-Garnitur das Haus eventuell nie verlassen habe: Sogar langjährige Museumsmitarbeiter wären immer wieder überrascht, wenn ein anderer alter Hase plötzlich bis dato unbekannte Vertäfelungs-Türen zu Gängen und Nischen geöffnet hätte. In einem intriganten Haus wie dem zur Linken des Kaiserinnendenkmals, hätte das lange Zeit für Mutmaßungen und Schnitzeljagden (unter Beteiligung hoher und höchster Stellen) gesorgt.

Die Rute

Aber das, so die Frau, sei noch nicht alles gewesen: Irgendwann – ob das vor oder nach des Direktors italienischer Reise gewesen sei, wollte oder konnte sie nicht sagen, vermutete aber, dass S. da schon lange wieder von seiner Sherlock-Holmes-Tour zurück gewesen sei – habe man gar einen Rutengeher ins Haus geholt. Der Hokuspokus des Mannes (bei der Arbeit habe sie ihn nicht beobachten dürfen, dazu, sagte sie, sei sie ein zu unbedeutendes wissenschaftliches Licht im Tempel von Vernunft, Aufklärung und Schönheit) habe sich genau dort abgespielt, wo die Saliera verschwunden sei. Und man habe angeblich an allerhöchster Stelle mit allerhöchster Ernsthaftigkeit auf den Wahrspruch gewartet.

Freilich: Der habe dann nicht ins Konzept gepasst. Denn das hatte ja immer gelautet, dass das güldene Streuzeug einer gerissenen, hochprofessionellen Bande gedungener Täter im Solde finsterer Würzsetgarnitursammelmächte zum Opfer gefallen sei. Und längst in einem ausländischen Verließ dem höhnischen Gaffen böser Menschen schutzlos ausgesetzt sei. Der Spruch des Mannes mit der Wünschelrute habe aber eben anders gelautet – und sei deshalb verworfen worden: Das Trum, habe das Orakel kundgetan, sei nahe. Sehr nahe. Fast so nahe wie der Täter – die Saliera, habe der Mann gesagt, sei bis nach Niederösterreich verschleppt worden. Höchstens. Punkt.

Unglaube

Damals, schloss die Frau, habe sie auch gelacht. Und die Geschichte ad acta gelegt. Als eine von vielen seltsamen Museumsbegebenheiten. Schließlich glaube sie nicht an Wahrsagerei. Aber jetzt... Der Rest ihrer Erzählung ging schon wieder im allgemeinen Saliera-Herumgealbere unter.

Natürlich habe ich die Frau dann nach einer Kontaktmöglichkeit gefragt. Und auch nach ihrem Namen. Beides verweigerte sie: Sie habe keine Lust, ihren Job zu riskieren. Es sei auch legitim, ihr nicht zu glauben – aber manche Geschichten seien einfach zu bizarr, um sie sich auszudenken.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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